Einleitung: Wenn der Lebensstil den Zyklus bestimmt
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) betrifft schätzungsweise 80–95 % aller menstruierenden Frauen – doch die Frage, warum manche Frauen stärker leiden als andere, bleibt bis heute nur unzureichend beantwortet. Während Hormone, Entzündungen und Nährstoffe intensiv erforscht werden, spielen alltägliche Lebensstilfaktoren eine weit größere Rolle, als viele annehmen.
Eine neue Querschnittsstudie aus dem Iran, veröffentlicht 2025 im renommierten BMC Women’s Health, hat erstmals systematisch untersucht, wie Rauchen, Alkoholkonsum, Gewichtsverlust, Appetitverlust und soziale Isolation mit dem Risiko für PMS zusammenhängen. Das Ergebnis: Die gefundenen Zusammenhänge sind so klar wie verblüffend – und komplett unterbelichtet in der deutschsprachigen PMS-Landschaft.
Studiendesign: 384 Studentinnen, ein Fragebogen, fünf Risikofaktoren
Das Forschungsteam um Hasan Sajjadi von der Yasuj University of Medical Sciences rekrutierte 384 Studentinnen im Alter von 18 bis 35 Jahren. Alle Teilnehmerinnen beantworteten zwei validierte Instrumente:
- Premenstrual Symptoms Screening Tool (PSST): Ein 19-item Fragebogen, der die Schwere von PMS-Symptomen über fünf Domänen erfasst: Depressive Verstimmung, Angst, affektive Labilität, körperliche Symptome und funktionelle Beeinträchtigung.
- Sozioökonomischer Fragebogen: Erfasste demografische Daten, Lebensstilfaktoren (Rauchen, Alkohol, BMI-Veränderungen, Appetit, soziale Kontakte) sowie familiäre und gynäkologische Vorgeschichte.
Die statistische Analyse erfolgte mittels binärer logistischer Regression, um Odds Ratios (OR) für das Auftreten von PMS zu berechnen – adjustiert für Alter, Bildungsstand, Familienstand und Schwangerschaftshistorie.
Ergebnisse: Wenn Gewohnheiten zur Gefahr werden
Die Studie identifizierte fünf statistisch signifikante Risikofaktoren, die das PMS-Risiko messbar erhöhten:
1. Rauchen: 3,15-fach erhöhtes PMS-Risiko
Rauchende Frauen hatten ein dreifach erhöhtes Risiko für PMS im Vergleich zu Nichtraucherinnen (OR = 3,15; 95%-KI: 1,71–5,82; p < 0,001). Die Autoren spekulieren über zwei Mechanismen: Zum einen beeinflusst Nikotin die Östrogen- und Progesteron-Metabolismen über das Cytochrom-P450-System. Zum anderem fördert Rauchen systemische Entzündungsprozesse und oxidativen Stress – beides Faktoren, die mit PMS-Symptomen assoziiert sind.
2. Alkoholkonsum: 2,8-fach erhöhtes Risiko
Frauen, die regelmäßig Alkohol tranken, zeigten ein 2,8-fach erhöhtes PMS-Risiko (OR = 2,80; 95%-KI: 1,42–5,53; p = 0,003). Alkohol beeinträchtigt den Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse), verändert die Serotonin-Synthese und stört den REM-Schlaf – alles Zustände, die PMS-Symptome verschlimmern können.
3. Gewichtsverlust: 2,5-fach erhöhtes Risiko
Frauen, die in den vergangenen 12 Monaten absichtlich Gewicht verloren hatten (unabhängig vom Ausgangsgewicht), zeigten ein 2,5-fach erhöhtes PMS-Risiko (OR = 2,46; 95%-KI: 1,31–4,61; p = 0,005). Die Erklärung liegt wahrscheinlich in der Nahrungsmittelunsicherheit und möglicherweise eingeschränkten Nährstoffzufuhr – insbesondere Magnesium, Zink und B-Vitamine, die für die Neurotransmitter-Synthese essenziell sind.
4. Appetitverlust: 2,3-fach erhöhtes Risiko
Frauen mit chronischem Appetitverlust (nicht nur in der Lutealphase) hatten ein 2,3-fach erhöhtes Risiko (OR = 2,34; 95%-KI: 1,19–4,59; p = 0,013). Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung der Nahrungsaufnahme für die hormonelle Homöostase – ein unterernährter Körper kann Östrogen- und Progesteron-Fluktuationen nicht adäquat puffern.
5. Soziale Isolation: 2,1-fach erhöhtes Risiko
Frauen, die sich „oft oder immer allein und isoliert“ fühlten, zeigten ein 2,1-fach erhöhtes PMS-Risiko (OR = 2,12; 95%-KI: 1,08–4,16; p = 0,029). Dieser Zusammenhang wurde adjustiert für Familienstand – das bedeutet: Auch verheiratete oder in Partnerschaft lebende Frauen können sozial isoliert sein, wenn sie emotionalen Support vermissen.
Interpretation: PMS ist mehr als Hormone
Die zentrale Erkenntnis dieser Studie ist, dass PMS kein rein endokrines Phänomen ist. Die identifizierten Risikofaktoren – Rauchen, Alkohol, Unterernährung, Appetitverlust, soziale Isolation – gehören allesamt zum Bereich lebensstilbezogener Gesundheitsdeterminanten.
Besonders bemerkenswert ist die Kaskade: Soziale Isolation führt zu Stress, Stress führt zu Appetitverlust, Appetitverlust führt zu Nährstoffmangel, Nährstoffmangel verschlimmert PMS – und PMS verstärkt wiederum soziale Rückzugstendenzen. Ein klassischer Teufelskreis, der in der bisherigen PMS-Forschung weitgehend ignoriert wurde.
Einschränkungen der Studie
Wie jede Querschnittsstudie hat auch diese ihre Grenzen:
- Keine Kausalität: Die gefundenen Zusammenhänge sind Assoziationen, keine bewiesenen Ursache-Wirkungs-Ketten. Möglicherweise führt PMS auch zu vermehrtem Rauchen oder sozialem Rückzug (bidirektionaler Zusammenhang).
- Studentinnen-Stichprobe: Die Teilnehmerinnen waren ausschließlich Studentinnen – die Ergebnisse sind nicht eins-zu-eins auf ältere oder nicht-akademische Populationen übertragbar.
- Selbstauskunft: Alle Daten basieren auf Selbstauskünften (Rauchen, Alkohol, Appetit), die soziale Erwünschtheit und Erinnerungsverzerrungen unterliegen können.
- Kultureller Kontext: In Iran ist Alkoholkonsum gesellschaftlich stigmatisiert. Die gefundene Assoziation könnte in westlichen Ländern mit höherem Durchschnittskonsum anders aussehen.
Fazit: Lebensstil als Hebel
Diese Studie liefert einen überzeugenden Hinweis darauf, dass PMS-Prävention und -Management weit über Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel hinausgehen sollten. Raucherinnen sollten wissen, dass ihr Nikotinkonsum das PMS-Risiko verdreifacht. Frauen mit Essstörungen oder chronischem Appetitverlust benötigen nicht nur psychologische Unterstützung, sondern auch gezielte Nährstoffüberwachung. Und soziale Isolation – oft als „nur psychisch“ abgetan – hat einen direkten, messbaren Effekt auf körperliche prämenstruelle Symptome.
Für die klinische Praxis bedeutet das: Bei der PMS-Anamnese sollten Gynäkologen und Hausärzte gezielt nach Lebensstilfaktoren fragen – nicht nur nach Schlaf und Stress, sondern auch nach Rauchen, Alkohol, Essverhalten und sozialem Umfeld. Die Antworten könnten den Schlüssel zu einem ganzheitlicheren PMS-Management liefern.
Quelle
Sajjadi H, Mansourian M, Noroozi A, Sharifi-Rad J, Shamsi A, Seifori P, Seifori P. Social determinants of premenstrual syndrome: A cross-sectional study. BMC Women’s Health. 2025;25(1):150. DOI: 10.1186/s12905-025-03724-9. PMID: 40164617.
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder dem Wunsch, mit dem Rauchen oder Alkoholkonsum aufzuhören, wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.
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