Einleitung: Wenn Frauen selbst therapieren
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) und seine schwere Form, die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDD), betreffen Millionen von Frauen weltweit. Doch was tun Betroffene, wenn klassische Behandlungsansätze nicht ausreichen oder nicht verfügbar sind? Eine bahnbrechende Studie der Johns Hopkins University wirft nun ein beunruhigendes Licht auf ein weitverbreitetes, aber bisher kaum erforschtes Phänomen: den Einsatz von psychoaktiven Substanzen zur Selbstbehandlung prämenstrueller Symptome.
Die Studie: Nazareth et al. 2026 – Johns Hopkins University
Im Juni 2026 veröffentlichten Nazareth, Paone, Yaden, Getachew und Hantsoo im Journal of Women’s Health eine Online-Umfragestudie, die erstmals systematisch untersuchte, welche Substanzen Frauen nutzen, um prämenstruelle Symptome zu bewältigen. Die Studie ist besonders deshalb relevant, weil sie als eine der ersten überhaupt den Gebrauch von Psychedelika im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus erfasst hat.
Methodik: So wurde geforscht
An der Online-Umfrage nahmen 703 Personen teil, von denen 634 innerhalb des letzten Jahres einen Menstruationszyklus hatten. Die Inklusionskriterien umfassten ein Mindestalter von 18 Jahren. Die Teilnehmerinnen beantworteten Fragen zum Gebrauch verschiedener Substanzen zur Symptombewältigung:
- Alkohol
- Nikotin
- Cannabis
- Psychedelika
- Kokain
- Stimulanzien
- Opioide
- Benzodiazepine
Besonders innovativ: Die Forscher erfassten nicht nur den generellen Gebrauch, sondern differenzierten explizit zwischen der lutealen Phase (die Tage vor der Periode) und der follikulären Phase (Tage nach der Periode). Die prämenstruellen Symptome wurden mit dem validierten Premenstrual Symptoms Screening Tool (PSST) erhoben. Eine PMDD-Diagnose lag bei 167 Teilnehmerinnen vor – bestätigt durch tägliche Symptomaufzeichnungen über zwei Menstruationszyklen hinweg.
Ergebnisse: Cannabis dominiert, Psychedelika überraschen
Die Ergebnisse sind eindeutig und zugleich beunruhigend:
Cannabis: Die beliebteste Selbsttherapie
30,0 % aller Teilnehmerinnen nutzten Cannabis, um prämenstruelle Stimmungssymptome zu managen. Noch alarmierender: Bei Frauen mit diagnostizierter PMDD stieg dieser Wert auf 51,5 %. Der Gebrauch war in der lutealen Phase signifikant höher als in der follikulären Phase (p < 0,01).
Psychedelika: Ein neuer Trend
5,9 % der Gesamtstichprobe setzten Psychedelika ein – bei PMDD-Betroffenen sogar 16,2 %. Auch hier zeigte sich ein signifikanter lutealer Anstieg (p < 0,005). Dies ist die erste Studie überhaupt, die psychedelischen Substanzengebrauch über den Menstruationszyklus hinweg quantifiziert.
Alkohol: Klassische Selbstmedikation
16,1 % nutzten Alkohol zur Stimmungsregulation, wobei hier kein signifikanter Phasenunterschied festgestellt wurde.
Nikotin: Korrelation mit Symptomstärke
Interessanterweise korrelierte der PSST-Gesamtscore positiv mit der Häufigkeit von Cannabis- und Nikotingebrauch in der lutealen Phase (ps < 0,01) – je schwerer die Symptome, desto häufiger der Substanzkonsum.
Perimenopause: Cannabis als häufigste Wahl
Unter den 45 Teilnehmerinnen mit perimenopausalen Symptomen war Cannabis erneut die am häufigsten genutzte Substanz.
Interpretation: Was bedeutet das?
Die Studie offenbart ein ernsthaftes Versorgungsproblem: Ein erheblicher Anteil von Frauen mit PMS/PMDD greift zu psychoaktiven Substanzen, weil etablierte Behandlungsangebote offenbar unzureichend sind. Besonders bemerkenswert ist der Befund zu Psychedelika: Obwohl diese Substanzklasse bisher kaum im Kontext der reproduktiven Psychiatrie erforscht wurde, nutzt ein signifikanter Prozentsatz von PMDD-Betroffenen sie offenbar zielgerichtet in der symptomatisch schwierigsten Phase des Zyklus.
Die Forscher betonen, dass diese Daten keinesfalls als Empfehlung für den Substanzgebrauch zu verstehen sind. Vielmehr unterstreichen sie den dringenden Bedarf an klinischen Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Substanzen für prämenstruelle und perimenopausale Symptome systematisch untersuchen.
Einschränkungen
Wie bei jeder Umfragestudie sind auch hier Einschränkungen zu nennen:
- Selektionsbias: Online-Umfragen erreichen tendenziell jüngere, internetaffine Personen
- Selbstbericht: Substanzgebrauch und Symptome wurden nicht objektiv verifiziert
- Keine Kausalität: Die Studie zeigt Assoziationen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen
- Kleine Subgruppen: Die perimenopause-Gruppe mit 45 Teilnehmerinnen ist statistisch klein
- Mischstichprobe: Die Integration von PMDD-diagnostizierten Frauen und Frauen ohne formale Diagnose erschwert die Generalisierbarkeit
Fazit: Ein Weckruf für die Forschung
Die Nazareth-Studie ist ein Pionierwerk: Sie zeigt erstmals quantitativ, dass Cannabis und – überraschend – auch Psychedelika von einem relevanten Anteil von PMS/PMDD-Betroffenen als Selbsttherapie genutzt werden. Die Tatsache, dass der Konsum in der lutealen Phase signifikant ansteigt, deutet auf eine zielgerichtete, zyklusbezogene Nutzung hin und nicht auf generelle Substanzabhängigkeit.
Für die klinische Praxis bedeutet dies: Ärzte sollten bei Patientinnen mit PMS/PMDD explizit nach Substanzgebrauch fragen – nicht umzu moralisieren, sondern um ein realistisches Bild der Selbsttherapie-Strategien zu erhalten und evidenzbasierte Alternativen anzubieten. Die Daten fordern zugleich die Forschung heraus: Randomisierte kontrollierte Studien zu Cannabis und Psychedelika bei PMDD sind überfällig.
Quelle
Nazareth M, Paone V, Yaden ME, Getachew A, Hantsoo L. Cannabis, Psychedelics, and Other Substance Use to Manage Premenstrual Symptoms: A Survey Study. J Womens Health (Larchmt). 2026 Jun 19. doi: 10.1177/15409996261459360. PMID: 42318639.
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine medizinische Beratung dar. Der beschriebene Substanzgebrauch erfolgte im Rahmen einer wissenschaftlichen Umfrage und ist nicht als Behandlungsempfehlung zu verstehen. Bei PMS- oder PMDD-Beschwerden konsultieren Sie bitte einen Facharzt.