Einleitung: Warum der Morgen für PMDD-Betroffene besonders schwer ist

Kennen Sie das Gefühl, morgens aufzuwachen und sofort zu spüren, dass der Tag vor der Periode werden wird? Viele Frauen mit prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDD) berichten von einer besonders intensiven Belastung in den frühen Morgenstunden – noch bevor der Tag richtig beginnt. Was bisher als subjektives Empfinden abgetan wurde, hat nun eine wissenschaftliche Erklärung: Der Cortisol Awakening Response (CAR), also die körpereigene Stresshormon-Antwort beim Aufwachen, ist bei PMDD-Patientinnen deutlich verändert.

Eine bahnbrechende Longitudinalstudie, im November 2025 im renommierten British Journal of Psychiatry veröffentlicht, hat diesen Zusammenhang erstmals systematisch untersucht. Das internationale Forschungsteam um Katja Hoffmann (Humboldt-Universität Berlin und Max-Planck-Institut Leipzig) kombinierte dazu Speichel-Cortisol-Messungen mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und psychometrischen Tests – eine Methodenkombination, die neue Einblicke in das Zusammenspiel von Stresshormonen und Serotoninsystem ermöglicht.

Studiendesign: Cortisol, Serotonin und Depression im Zyklusverlauf

Die Studie untersuchte 30 PMDD-Patientinnen und 29 gesunde Kontrollpersonen über zwei Zyklusphasen hinweg:

  • Periovulatorische Phase (Mitte des Zyklus, hormonell stabiler)
  • Prämenstruelle Phase (Lutealphase, vor der Periode)

In beiden Phasen wurden Speichelproben entnommen: direkt nach dem Aufwachen, nach 30 Minuten und nach 60 Minuten (CAR), sowie um 9:00, 12:00, 15:00, 18:00 und 21:00 Uhr (Tagesverlauf). Zusätzlich erfolgte eine [11C]DASB-PET-Untersuchung, die die Bindung des Serotonin-Transporters (5-HTT) im Mittelhirn und präfrontalen Cortex quantifiziert. Die depressive Symptomatik wurde mit der Hamilton Depression Rating Scale erfasst.

Ergebnisse: Attenuierte Cortisol-Spitzen und fehlende zyklische Plastizität

Die zentrale Erkenntnis: PMDD-Patientinnen zeigten in der periovulatorischen Phase deutlich niedrigere Cortisol-Spitzen als gesunde Kontrollpersonen. Während gesunde Frauen einen charakteristischen Anstieg des Stresshormons nach dem Aufwachen zeigten – gefolgt von einer Abnahme im Tagesverlauf – blieb dieser Anstieg bei PMDD-Betroffenen ausgeprägt gedämpft.

Besonders bemerkenswert: Gesunde Kontrollpersonen zeigten eine plastische Anpassung des CAR über den Zyklus hinweg – ihre Cortisol-Reaktion war in der prämenstruellen Phase stärker ausgeprägt als in der periovulatorischen Phase. Diese zyklische Feinabstimmung fehlte bei PMDD-Patientinnen weitgehend, was auf eine gestörte hypothalamisch-hypophysär-adrenale (HPA)-Achsen-Flexibilität hindeutet.

Die statistische Analyse ergab einen signifikanten Interaktionseffekt zwischen Gruppe und Zyklusphase für die Cortisol-Peak-Konzentrationen:

  • Effektstärke d = 0,62 (p = 0,05, 95% CI: [0,01; 1,56])
  • Korrigiert für Aufwach-Cortisol: d = 0,77 (p = 0,02, 95% CI: [0,15; 1,66])

Die Verbindung zu Serotonin und Depression

Die Studie fand zwei weitere entscheidende Korrelationen in der prämenstruellen Phase:

  1. Cortisol-Peak und Serotonin-Transporter: Höhere Cortisol-Spitzen korrelierten negativ mit der 5-HTT-Bindung im Mittelhirn (r = -0,34, p < 0,01, R² = 0,12). Das bedeutet: Wenn das Stresshormonsystem stärker aktiviert ist, ist die serotonerge Neurotransmission im Mittelhirn herabgesetzt – ein Zusammenhang, der die bekannte Serotonin-Hypothese der PMDD stützt.
  2. Cortisol-Peak und depressive Symptome: Höhere Cortisol-Spitzen gingen mit geringerer Depressivität einher (r = -0,30, p = 0,02, R² = 0,09). Dies scheint zunächst paradox, lässt sich aber erklären: Bei PMDD-Patientinnen ist der CAR insgesamt flacher – die fehlende normale Stresshormon-Antwort korreliert mit stärkeren depressiven Symptomen.

Interpretation: Ein Teufelskreis aus Stresshormon-Dysregulation und Serotonin-Mangel

Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: PMDD ist nicht nur ein „hormonelles Problem“, sondern ein Störungsbild mit massiver Beteiligung des Stresshormon- und Neurotransmissionssystems.

Die fehlende zyklische Plastizität des CAR deutet darauf hin, dass das Gehirn von PMDD-Betroffenen nicht in der Lage ist, die normale zyklusabhängige Feinabstimmung von Cortisol vorzunehmen. Dies könnte erklären, warum viele Patientinnen morgens besonders schlecht drauf sind: Der Körper setzt nicht die erwartete Stresshormon-Antwort frei, die normalerweise den Übergang in den Wachzustand erleichtert.

Die negative Korrelation zwischen Cortisol und 5-HTT-Bindung verknüpft die HPA-Achse direkt mit dem Serotoninsystem – ein Bindeglied, das die Wirksamkeit von SSRIs bei PMDD aus neurobiologischer Sicht untermauert.

Einschränkungen und offene Fragen

Wie bei jeder Studie gibt es Einschränkungen:

  • Stichprobengröße: 30 PMDD-Patientinnen und 29 Kontrollen sind für komplexe Neuroimaging-Studien solide, aber nicht groß genug für generalisierbare Populationsschlüsse.
  • Keine Interventionskomponente: Die Studie ist rein observational – es wurde nicht getestet, ob eine Modulation des CAR (z.B. durch Lichttherapie, Chronobiologie-Interventionen oder Medikamente) die Symptome verbessert.
  • Speichel-Cortisol vs. Serum-Cortisol: Speichelmessungen reflektieren freies Cortisol gut, sind aber von Variablen wie Aufwachzeit, Schlafqualität und Stressoren am Messetag beeinflusst.

Fazit: Morgens beginnt der PMDD-Tag – und jetzt wissen wir, warum

Die Studie von Hoffmann et al. liefert einen wichtigen Baustein zum Verständnis der PMDD-Pathophysiologie: Der Cortisol Awakening Response ist bei Betroffenen attenuiert und zeigt keine normale zyklische Plastizität. Diese Dysregulation ist verknüpft mit veränderter Serotonin-Transporter-Bindung und der Schwere depressiver Symptome.

Für Betroffene bedeutet das: Das Gefühl, morgens „nicht richtig hochfahren zu können“, hat eine biologische Basis. Chronobiologische Interventionen – wie Lichttherapie direkt nach dem Aufwachen, regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten oder stressreduzierende Morgenroutinen – könnten in Zukunft als adjuvante Therapiestrategien untersucht werden.

Die Verbindung von Stresshormonen und Serotoninsystem eröffnet neue therapeutische Perspektiven: Statt nur Symptome zu behandeln, könnte zukünftige Forschung auf die Wiederherstellung der HPA-Achsen-Flexibilität abzielen – ein völlig neuer Ansatz in der PMDD-Therapie.


Quelle: Hoffmann K, Zsido RG, Villringer A, Hesse S, Sabri O, Engert V, Sacher J. Exploring the cortisol awakening response in premenstrual dysphoric disorder and in healthy females across the menstrual cycle. Br J Psychiatry. 2025 Nov 10:1-9. doi: 10.1192/bjp.2025.10432. PubMed: PMID 41208395

Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei PMS- oder PMDD-Beschwerden konsultieren Sie bitte einen Facharzt oder eine Fachärztin.