Einleitung: Wenn klassische Therapien an ihre Grenzen stoßen
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) und seine schwere Form, die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDD), betreffen Millionen Frauen weltweit. Während viele Betroffene auf Verhaltensänderungen, Nahrungsergänzungsmittel oder Antidepressiva zurückgreifen, bleibt ein erheblicher Anteil der Patientinnen ohne ausreichende Symptomlinderung. Ein völlig neuer Therapieansatz könnte hier Abhilfe schaffen: die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS).
Eine brasilianische Pilotstudie, veröffentlicht im Dezember 2025 im Journal of ECT, hat erstmals systematisch untersucht, ob rTMS über dem dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC) prämenstruelle Symptome lindern kann. Das Ergebnis ist vielversprechend – und eröffnet eine völlig neue Dimension im PMS-Management.
Die Studie: Ramos et al. 2025 – Erste rTMS-PMS-Studie weltweit
Das Forschungsteam um Carlos Ramos und Amaury Cantilino von der Universidade Federal de Pernambuco in Recife, Brasilien, führte eine prospektive Pilotstudie mit 10 Frauen mit diagnostiziertem PMS durch. Die Studie ist die erste weltweit, die rTMS als Intervention bei PMS untersucht.
Studiendesign im Überblick:
- Teilnehmerinnen: 10 Frauen mit diagnostiziertem PMS
- Design: Prospektive Pilotstudie über 2 Menstruationszyklen
- Intervention: 10–12 rTMS-Sitzungen über dem rechten DLPFC während der Lutealphase des zweiten Zyklus
- Stimulationsprotokoll: Rechter dorsolateraler präfrontaler Kortex (DLPFC), Hochfrequenz-rTMS
- Primäre Endpunkte: Depressive Symptome, Angstsymptome, gemessen zu Beginn, Mitte und Ende der Lutealphase in beiden Zyklen
- Analyse: Intraindividueller Vergleich: Zyklus 1 (ohne rTMS) vs. Zyklus 2 (mit rTMS)
Die Ergebnisse: Signifikante Symptomreduktion in der Lutealphase
Die Studie lieferte klare, statistisch signifikante Befunde:
1. Depressive Symptome: Signifikante Besserung
- Mittlere Lutealphase-Assessment: Statistisch signifikante Reduktion depressiver Symptome im zweiten Zyklus (mit rTMS) vs. erstem Zyklus (ohne rTMS) (P = 0,034)
- Späte Lutealphase-Assessment: Hochsignifikante Reduktion (P < 0,001)
Die Effektgröße war besonders beeindruckend am Ende der Lutealphase – jener Phase, in der die Symptome normalerweise am intensivsten sind.
2. Angstsymptome: Parallele Verbesserung
- Mittlere Lutealphase-Assessment: Signifikante Reduktion der Angstsymptome (P = 0,019)
- Späte Lutealphase-Assessment: Hochsignifikante Reduktion (P = 0,001)
Die Reduktion von Angstsymptomen zeigt, dass rTMS nicht nur auf depressive Verstimmung wirkt, sondern auch auf den oft gleichzeitig auftretenden angstbesetzten Zustand in der prämenstruellen Phase.
3. Verträglichkeit: Keine signifikanten Nebenwirkungen
Die rTMS-Behandlung wurde von allen Teilnehmerinnen gut toleriert. Es traten keine signifikanten unerwünschten Ereignisse auf – ein wichtiger Befund für ein neues Behandlungsverfahren.
Wie wirkt rTMS? Die neurobiologischen Mechanismen
Die Wirkweise von rTMS lässt sich auf mehreren Ebenen erklären:
1. Exzitatorische Modulation des präfrontalen Cortex
Der DLPFC ist ein zentrales Steuerzentrum für Emotionsregulation, kognitive Kontrolle und Stressverarbeitung. Bei Depression und Angststörungen zeigt der DLPFC typischerweise eine verminderte Aktivität. Hochfrequente rTMS (meist 10–20 Hz) über dem rechten oder linken DLPFC erhöht die neuronale Erregbarkeit und stärkt die präfrontale Kontrolle über limbische Strukturen wie die Amygdala.
2. Serotonerge Neurotransmission
rTMS moduliert die Freisetzung von Serotonin und beeinflusst die Expression von Serotonin-Rezeptoren und Transportern. Da Serotonin-Mangel in der Lutealphase ein zentraler Mechanismus von PMS ist, könnte rTMS hier kompensatorisch wirken – ähnlich wie SSRIs, aber ohne systemische pharmakologische Nebenwirkungen.
3. Neuroplastizität und Langzeitpotenzierung
Wiederholte rTMS-Sitzungen induzieren Langzeitpotenzierung (LTP) – eine Form synaptischer Plastizität, die die Verbindungsstärke zwischen Neuronen dauerhaft verstärkt. Dies könnte die Resilienz des präfrontalen Cortex gegenüber hormonell induzierten Stimmungsschwankungen erhöhen.
4. HPA-Achsen-Modulation
Studien bei Major Depression zeigen, dass rTMS die Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse) regulieren kann. Da PMS und PMDD mit einer dysregulierten HPA-Achse assoziiert sind, könnte dieser Mechanismus auch für prämenstruelle Symptome relevant sein.
Warum der rechte DLPFC?
Die Wahl des rechten DLPFC ist interessant: In der Depressionsbehandlung wird meist der linke DLPFC mit Hochfrequenz-rTMS oder der rechte DLPFC mit Niederfrequenz-rTMS stimuliert. Die brasilianischen Forscher entschieden sich für den rechten DLPFC – möglicherweise aufgrund von Vorarbeiten zur Angstmodulation oder aufgrund individueller Protokollanpassungen für die PMS-Population. Weitere Forschung wird zeigen müssen, ob links- oder rechtsseitige Stimulation für PMS optimal ist.
Einschränkungen der Studie
Wie bei jeder Pilotstudie gibt es auch hier wichtige Einschränkungen:
- Sehr kleine Stichprobe: Nur 10 Teilnehmerinnen – die statistische Power ist begrenzt
- Keine Kontrollgruppe: Kein Placebo-rTMS (Sham-Stimulation) oder Wartelisten-Kontrolle
- Keine Randomisierung: Intraindividueller Vergleich über zwei Zyklen, aber kein randomisiertes Design
- Kurze Beobachtungszeit: Nur 2 Menstruationszyklen – Langzeitdaten fehlen
- Homogene Population: Brasilianische Frauen – Generalisierbarkeit auf andere Populationen unklar
- Keine objektiven Biomarker: Keine neurophysiologischen oder biochemischen Messungen
- Offene Behandlung: Keine Blinding der Teilnehmerinnen – Placebo-Effekte können nicht ausgeschlossen werden
Klinische Bedeutung: Ein neuer Therapiepfad?
Trotz dieser Einschränkungen ist die Studie von Ramos et al. ein Pionierwerk: Sie zeigt erstmals, dass rTMS bei PMS klinisch wirksam sein könnte. Für Frauen, die auf klassische Behandlungen nicht ansprechen oder Nebenwirkungen vermeiden wollen, eröffnet sich damit eine neue Perspektive.
Randbedingungen für eine rTMS-Behandlung bei PMS:
- Kontraindikationen: Epilepsie, Metallimplantate im Kopf, Herzschrittmacher (relativ – je nach Gerät)
- Sitzungsanzahl: Die Studie verwendete 10–12 Sitzungen über den Zyklus – weniger als bei Major Depression (meist 20–30 Sitzungen)
- Kosten: rTMS ist in Deutschland für Major Depression von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, aber nicht für PMS
- Verfügbarkeit: Spezialisierte rTMS-Zentren sind in Städten vorhanden, aber nicht flächendeckend
Fazit: rTMS als unterbewertetes PMS-Therapiepotential
Die Pilotstudie von Ramos et al. (2025) liefert erstmalig Evidenz dafür, dass rTMS – ein etabliertes Verfahren bei therapieresistenter Depression – auch bei prämenstruellen Symptomen wirksam sein könnte. Die signifikante Reduktion von depressiven und angstbezogenen Symptomen in der Lutealphase, kombiniert mit guter Verträglichkeit, macht rTMS zu einem vielversprechenden Kandidaten für zukünftige RCTs.
Für Betroffene bedeutet das: Es gibt Hoffnung jenseits von Pillen und Lifestyle-Tipps. Die Kombination aus evidenzbasierter Neuromodulation und zyklusgerechter Anwendung könnte für Frauen mit schwerem PMS eine echte Alternative eröffnen – besonders dann, wenn nichts anderes geholfen hat.
Die Forschung fordert jedoch: Große, randomisierte, placebokontrollierte Studien mit objektiven Endpunkten sind überfällig, um rTMS als evidenzbasierte PMS-Therapie zu etablieren.
Quellenangabe
Originalstudie:
Ramos CS, Monteiro DC, Alves da Silva EC, Cantilino A. Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation in the Management of Premenstrual Syndrome: A Prospective Pilot Study. J ECT. 2025 Dec 26. doi: 10.1097/YCT.0000000000001216
PubMed: PMID 41460163
Haftungsausschluss
Dieser Artikel dient ausschließlich der wissenschaftlichen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. rTMS ist eine ärztlich überwachte Behandlungsmethode, die nur in spezialisierten Einrichtungen durchgeführt werden sollte. Bei PMS- oder PMDD-Beschwerden konsultieren Sie bitte eine Fachärztin oder einen Facharzt. Selbstbehandlungen mit Consumer-rTMS-Geräten werden nicht empfohlen.
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