Eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem März 2025 vergleicht erstmals zwei nicht-pharmakologische Ansätze zur Behandlung von prämenstruellem Stress: Akupressur am Milz-Punkt SP6 versus ein strukturiertes Coping-Skills-Training. Das Ergebnis überrascht – beide Methoden zeigen vergleichbare, signifikante Verbesserungen.
Hintergrund: Warum nicht-pharmakologische Alternativen?
Prämenstruelles Syndrom (PMS) betrifft weltweit Millionen Frauen im gebärfähigen Alter. Die Prävalenz stieg von 652,5 Millionen im Jahr 1990 auf 956,0 Millionen im Jahr 2019 – ein Anstieg um 46,5 Prozent. Besonders häufig sind Studentinnen betroffen: In Ägypten berichten 65 %, in der Türkei 54,2 % und in Japan 12 % der Studierenden über PMS-Symptome.
Die aktuellen Behandlungsoptionen umfassen vor allem pharmakologische Ansätze wie Prostaglandin-Synthase-Hemmer (NSAR), selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder ovulationsunterdrückende Hormonpräparate. Doch diese Medikamente haben erhebliche Nebenwirkungen: gastrointestinale Beschwerden, Müdigkeit, das Risiko für Magenulzera bei NSAR sowie potenzielle Blutungsrisiken bei SSRIs.
Aus diesem Grund suchen viele Frauen nach alternativen, nicht-pharmakologischen Methoden. Eine Umfrage zeigte, dass 80 % der betroffenen Frauen komplementärmedizinische Behandlungen wie Kräutermedizin, Akupressur oder Akupunktur bevorzugen würden.
Studiendesign: Drei Gruppen, zwei Interventionen
Die iranische Studie wurde an undergraduate Midwifery-Studentinnen der Islamic Azad University Sanandaj durchgeführt und im Iranian Registry of Clinical Trials registriert (IRCT20230618058517N1). Von 290 zunächst gescreenten Studentinnen erfüllten 90 die Einschlusskriterien (moderate bis schwere PMS-Symptome gemäß PSST-Fragebogen, regelmäßige Zyklen, ledig).
Die Teilnehmerinnen wurden randomisiert in drei Gruppen eingeteilt:
- Akupressur-Gruppe (n=30): Zweimal tägliche Selbst-Akupressur am Milz-Punkt SP6 (Sanyinjiao) für jeweils 60 Sekunden in sitzender Position über 3 Monate
- Coping-Skills-Gruppe (n=30): Fünf wöchentliche Trainingssitzungen à 60 Minuten in Kleingruppen (6 Personen), gefolgt von 3-monatiger eigenständiger Anwendung der erlernten Strategien
- Kontrollgruppe (n=30): Keine Intervention während des Studienzeitraums
Das Coping-Skills-Training umfasste fünf Module: Problemlösestrategien, kognitive Umstrukturierung, Stressmanagement-Techniken, soziale Unterstützung mobilisieren und Emotionsregulation. Die Teilnehmerinnen erhielten zudem ein Handbuch für die eigenständige Praxis.
Ergebnisse: Beide Methoden gleich effektiv
Die Auswertung erfolgte mittels ANCOVA, adjustiert für das Menarche-Alter und die Baseline-Werte. Die Ergebnisse waren eindeutig:
Premenstrueller Stress (Primärer Endpunkt):
- Akupressur-Gruppe: Adjustierte Mittelwertdifferenz (AMD) −20,6 Punkte (95 % KI: −23,1 bis −17,1; p < 0,001)
- Coping-Skills-Gruppe: AMD −20,5 Punkte (95 % KI: −23,4 bis −16,7; p < 0,001)
- Vergleich Akupressur vs. Coping: Kein signifikanter Unterschied (AMD −0,1; p = 0,995)
Coping-Strategien (Sekundäre Endpunkte):
In der Coping-Skills-Gruppe zeigten sich signifikante Verbesserungen in allen drei Subskalen des Stress Coping Styles Questionnaire (SCSQ):
- Aufgabenorientiertes Coping: +30,8 Punkte (p < 0,001) – aktive Problemlösung wird gestärkt
- Vermeidungsorientiertes Coping: +18,2 Punkte (p < 0,001) – strategisches Zurückziehen als legitime Strategie
- Emotionsorientiertes Coping: −26,9 Punkte (p < 0,001) – weniger rumination und emotionales Grübeln
Die Kontrollgruppe zeigte keine signifikanten Veränderungen.
Interpretation: Zwei Wege, ein Ziel
Die Studie demonstriert, dass sowohl körperbasierte Interventionen (Akupressur) als auch psychologische Ansätze (Coping-Training) effektiv prämenstruellen Stress reduzieren können. Der Wirkmechanismus unterscheidet sich grundlegend:
Akupressur aktiviert über Druck auf spezifische Punkte kleine myelinisierte Muskelfasern, die Signale an Rückenmark, Mittelhirn und die Hypothalamus-Hypophysen-Achse senden. Dies führt zur Freisetzung von Peptiden mit analgetischer und entspannender Wirkung. Der Vorteil: Die Methode ist einfach erlernbar, kostengünstig und kann überall angewendet werden – ohne Interaktionen mit anderen Behandlungen.
Coping-Skills-Training zielt auf die kognitive und behaviorale Ebene: Durch das Erlernen von Problemlösestrategien, kognitiver Umstrukturierung und Emotionsregulation entwickeln die Frauen nachhaltigere Bewältigungskompetenzen. Die Reduktion des emotionsorientierten Copings (Grübeln, Selbstvorwürfe) zugunsten von aufgabenorientierten Strategien korreliert mit besserer psychologischer Anpassung an chronische Belastungen.
Einschränkungen der Studie
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse müssen mehrere Limitationen berücksichtigt werden:
- Stichprobe: Ausschließlich Midwifery-Studentinnen einer einzigen iranischen Universität – die Generalisierbarkeit auf andere Populationen ist begrenzt
- Self-Report-Bias: Alle Outcome-Messungen basierten auf selbstausgefüllten Fragebögen, was soziale Erwünschtheit und subjektive Verzerrungen begünstigt
- Kein aktives Placebo: Die Kontrollgruppe erhielt keine Scheinintervention, was den Placebo-Effekt nicht kontrolliert
- Kein Langzeit-Follow-up: Es wurde nur der 3-Monats-Zeitpunkt erfasst – die Nachhaltigkeit der Effekte bleibt unklar
- Kultureller Kontext: Iranische Studierende könnten spezifische kulturelle Einstellungen zu Menstruation und Stressbewältigung haben, die die Ergebnisse beeinflussen
Fazit für die Praxis
Die Studie liefert wichtige Evidenz für zwei sichere, nicht-pharmakologische Optionen zur PMS-Behandlung. Für die klinische Praxis ergeben sich folgende Implikationen:
Akupressur eignet sich besonders für Frauen, die eine schnelle, körperbasierte Methode suchen, die wenig Zeitaufwand erfordert (2 × 60 Sekunden täglich) und keine therapeutische Begleitung benötigt. Der SP6-Punkt (Sanyinjiao) liegt etwa vier Fingerbreit oberhalb des inneren Knöchels und ist leicht zu lokalisieren.
Coping-Skills-Training empfiehlt sich für Frauen, die tiefergehende psychologische Werkzeuge erlernen möchten und bereit sind, regelmäßig an Trainingssitzungen teilzunehmen. Der Effekt geht über die PMS-Symptomatik hinaus – die erlernten Strategien können bei diversen Stresssituationen angewendet werden.
Beide Methoden können auch kombiniert werden oder als Ergänzung zu pharmakologischen Therapien dienen. Besonders wertvoll: Keine der beiden Interventionen zeigte schwerwiegende Nebenwirkungen.
Quellenangabe
Studie: Mirghafourvand M, Abdolalipour S, Mohamadi Bolbanabad A, Manouchehri B. Comparison of the effect of teaching coping skills and acupressure on premenstrual stress: a randomized controlled trial. Discover Mental Health. 2025 Mar 10;5(1):31. doi: 10.1007/s44192-025-00153-1
PubMed/PMC: https://link.springer.com/article/10.1007/s44192-025-00153-1
Registrierung: Iranian Registry of Clinical Trials IRCT20230618058517N1
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenden Sie sich bei gesundheitlichen Fragen stets an qualifiziertes Fachpersonal. Die dargestellten Studienergebnisse stellen keine Empfehlung für konkrete Therapiemaßnahmen dar.