Einleitung: Wenn die Stimmung vor der Periode kippt

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) betrifft schätzungsweise 48 % aller Frauen im gebärfähigen Alter weltweit. Für viele bedeutet dies nicht nur körperliche Beschwerden wie Blähungen oder Brustspannen, sondern vor allem psychische Symptome: Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Ängste und depressive Verstimmungen in der Lutealphase. Während hormonelle Präparate und Antidepressiva oft als Standard empfohlen werden, suchen immer mehr Frauen nach natürlichen Alternativen.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 liefert nun klare Evidenz: Vitamin B6 (Pyridoxin) zählt zu den wenigen Nährstoffen, die signifikante positive Effekte auf die psychischen Symptome des PMS zeigen.

Die Studie: Robinson et al. (2025) – Nutrition Reviews

Autoren: Jazz Robinson, Amy Ferreira, Marina Iacovou, Nicole J. Kellow
Institution: Monash University, Australien
Journal: Nutrition Reviews (Impact Factor: 6.8)
Jahr: 2025 (Online 2024)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit (Systematic Review) randomisierter kontrollierter Studien (RCTs)

Methodik

Das Forschungsteam durchsuchte fünf elektronische Datenbanken nach RCTs, die den Effekt von Nährstoffinterventionen auf psychische PMS-Symptome untersuchten. Eingeschlossen wurden 32 Artikel mit 31 RCTs und insgesamt 3.254 Teilnehmerinnen im Alter von 15 bis 50 Jahren. Die Risikobewertung erfolgte mit dem Cochrane Risk of Bias 2 Tool.

Zentrale Ergebnisse

Die Analyse ergab ein klares Bild:

  • Vitamin B6: Konsistent signifikante positive Effekte auf psychische PMS-Symptome
  • Calcium: Ebenfalls signifikante Verbesserungen
  • Zink: Signifikante positive Effekte bestätigt
  • Unklare Evidenz: Vitamin B1, Vitamin D, Vollkorngetreide, Soja-Isoflavone, Omega-3-Fettsäuren, Magnesium, Multivitamine

Bemerkenswert: Nur eine der 31 eingeschlossenen Studien hatte ein niedriges Risiko für Bias. Die Autoren betonen daher den dringenden Bedarf an methodisch hochwertigeren Studien mit konsistenten Protokollen und Intention-to-Treat-Analysen.

Wie wirkt Vitamin B6 bei PMS?

Die Wirkmechanismen von Vitamin B6 im Kontext des prämenstruellen Syndroms sind vielfältig:

1. Serotonin-Synthese

Vitamin B6 ist ein essenzieller Cofaktor für die Umwandlung des Aminosäurevorläufers Tryptophan in Serotonin. In der Lutealphase sinkt der Serotoninspiegel bei vielen Frauen ab – ein Hauptverursacher depressiver Stimmungen und Reizbarkeit.

2. GABA-Produktion

Als Cofaktor des Enzyms Glutamat-Decarboxylase (GAD) ist Vitamin B6 unverzichtbar für die Synthese von GABA, dem wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter des Gehirns. Ein ausreichender GABA-Spiegel kann Ängste und Nervosität vor der Periode mildern.

3. Hormonelle Modulation

Vitamin B6 beeinflusst die Rezeptorsensitivität für Östrogen und Progesteron und kann damit die zyklusbedingten hormonellen Schwankungen ausgleichen.

4. Homocystein-Stoffwechsel

Als Cofaktor für die Homocystein-Umwandlung trägt Vitamin B6 zur Regulation des Entzündungsstatus bei – ein Faktor, der zunehmend mit PMS-Symptomen in Verbindung gebracht wird.

Klinische Evidenz: Was die Daten zeigen

Die Robinson-Review zitiert mehrere klassische RCTs, die den Effekt von Vitamin B6 auf PMS untersuchten:

  • Doll et al. (1989): Randomisierte Crossover-Studie mit 630 mg Vitamin B6 vs. Placebo über zwei Zyklen. Signifikante Reduktion der PMS-Symptomscores, besonders bei psychischen Symptomen.
  • Kendall & Schnurr (1987): Doppelblindstudie mit Vitamin B6-Supplementation. Verbesserung von Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und Müdigkeit.
  • De Souza et al. (2000): Kombination von 200 mg Magnesium + 50 mg Vitamin B6 über einen Monat. Synergistischer Effekt bei angstbedingten prämenstruellen Symptomen.

Wichtiger Hinweis: Nicht alle Studien zeigten positive Effekte. Hagen et al. (1985) fanden in einer kontrollierten Studie keinen Effekt von Vitamin B6 gegen prämenstruelle Spannungen – möglicherweise aufgrund unterschiedlicher Dosierungen und Studiendesigns.

Dosierung und Sicherheit

Die in den Studien verwendeten Dosierungen lagen zwischen 50 und 200 mg Vitamin B6 pro Tag, typischerweise über 1–3 Zyklen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) setzt die sichere obere Grenze für Erwachsene bei 25 mg pro Tag an.

Warnung: Dosierungen über 200 mg/Tag über längere Zeit können zu peripherer Neuropathie (Taubheitsgefühle in Händen und Füßen) führen. Die British Medical Association empfiehlt eine tägliche Dosis von nicht mehr als 10 mg für Langzeitsupplementation.

Natürliche Vitamin-B6-Quellen

Vor der Einnahme von hochdosierten Präparaten empfiehlt sich der Blick auf die Ernährung. Besonders reich an Vitamin B6 sind:

  • Hülsenfrüchte: Linsen, Kichererbsen, Sojabohnen
  • Fisch: Thunfisch, Lachs, Makrele
  • Geflügel: Hähnchenbrust, Pute
  • Kartoffeln und Gemüse: Spinat, Brokkoli, Karotten
  • Früchte: Bananen, Avocados
  • Vollkornprodukte und Nüsse: Haferflocken, Walnüsse, Sonnenblumenkerne

Einschränkungen und Forschungsbedarf

Die Robinson-Review identifiziert deutliche methodische Schwächen in der bestehenden Forschung:

  • Nur eine der 31 RCTs hatte ein niedriges Risiko für Bias
  • Fehlende Standardisierung der Dosierungen und Behandlungsdauern
  • Unzureichende Berichterstattung über Nebenwirkungen
  • Fehlen von Intention-to-Treat-Analysen in vielen Studien

Die Autoren fordern dringend weitere hochwertige RCTs mit konsistenten Protokollen, standardisierten Outcome-Messungen und längeren Follow-up-Perioden.

Fazit: Ein vielversprechender, aber nicht überbewerteter Ansatz

Die aktuelle systematische Übersichtsarbeit von Robinson et al. (2025) positioniert Vitamin B6 als einen der wenigen Nährstoffe mit konsistenter Evidenz für die Linderung psychischer PMS-Symptome. Die Wirkung über Neurotransmitter-Synthese (Serotonin, GABA) ist biochemisch plausibel und durch klinische Studien gestützt.

Allerdings sollte Vitamin B6 nicht als Wundermittel betrachtet werden. Die Evidenzbasis ist methodisch schwach, die optimalen Dosierungen unklar, und hochdosierte Langzeitsupplementation birgt Risiken. Die Kombination aus einer B6-reichen Ernährung und – bei Bedarf – niedrigdosierter Supplementation unter ärztlicher Beratung erscheint derzeit der pragmatischste Ansatz.


Quellenangabe

Robinson J, Ferreira A, Iacovou M, Kellow NJ. Effect of nutritional interventions on the psychological symptoms of premenstrual syndrome in women of reproductive age: a systematic review of randomized controlled trials. Nutr Rev. 2025 Feb 1;83(2):280-306. doi: 10.1093/nutrit/nuae043. PMID: 38684926; PMCID: PMC11723155.

PubMed-Link zur Studie

Haftungsausschluss

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei PMS-Symptomen sollten Sie einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, insbesondere in höheren Dosierungen, sollte mit einem medizinischen Fachpersonal besprochen werden.