Einleitung: Der Darm als verborgener Spieler im Hormonchaos
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) betrifft bis zu 48 % aller Frauen im gebärfähigen Alter und manifestiert sich in einem breiten Spektrum körperlicher und psychischer Symptome – von Stimmungsschwankungen und Müdigkeit über Unterleibsbeschwerden bis hin zu Schlafstörungen. Während klassische Ansätze wie Nährstoffsupplemente, Bewegung oder in schweren Fällen SSRIs und Hormontherapien etabliert sind, rückt ein bislang wenig beachteter Faktor in den Fokus der Forschung: das Darm-Mikrobiom und seine enge Verbindung zum hormonellen System.
Eine bahnbrechende mechanistische Studie aus Südkorea, veröffentlicht im September 2025 im renommierten Fachjournal Journal of Microbiology and Biotechnology, liefert erstmals direkte Evidenz dafür, dass ein spezifischer probiotischer Bakterienstamm – Lactobacillus helveticus HY7801 – PMS-Symptome über zwei parallele Wege lindern kann: durch Modulation der Darmflora und durch direkte zelluläre Wirkmechanismen seiner extrazellulären Vesikel.
Studiendesign: Mausmodell trifft auf Zellkultur
Das Forschungsteam um Kim, Gwon und Jeong vom R&D Center von hy Co. Ltd. in Yongin, Südkorea, nutzte ein etabliertes Mausmodell der hyperprolaktinämieinduzierten PMS. Durch Gabe des Arzneimittels Metoclopramid erzeugten die Wissenschaftler einen hormonellen Imbalance-Zustand, der typische PMS-Charakteristika wie erhöhte Prolaktinspiegel, gestörte Östrogen-Progesteron-Balance und erhöhte Entzündungsmarker nachahmt.
Die Versuchstiere erhielten täglich oral 10⁹ koloniebildende Einheiten (CFU) pro Kilogramm Körpergewicht von L. helveticus HY7801. Parallel führten die Forscher in-vitro-Experimente an GH3-Zellen (eine Hypophysen-Tumorzelllinie, die Prolaktin sezerniert) und RAW 264.7-Makrophagen durch, um die direkten zellulären Effekte zu untersuchen.
Besonders innovativ: Die Forscher isolierten und charakterisierten extrazelluläre Vesikel (EVs) aus dem Probiotikum – membranumschlossene Partikel, die von Bakterien aktiv sezerniert werden und als biologische Signaltransmitter fungieren.
Ergebnisse: Dreifacher Wirkmechanismus entdeckt
1. Hormonelle Rückkehr zur Balance
Die oral verabreichten HY7801-Bakterien zeigten eine signifikante Wirkung auf das gestörte Hormonsystem:
- Prolaktin: Die stark erhöhten Serum-Prolaktinspiegel unter Metoclopramid wurden deutlich reduziert.
- Östrogen-Progesteron-Verhältnis: Das gestörte Verhältnis zwischen Östradiol und Progesteron normalisierte sich.
- Gonadotropine: Die Follikel-stimulierende Hormon-(FSH)-Spiegel wurden reguliert.
- Prostaglandine: Die übermäßig erhöhten Prostaglandin-E1- und E2-Spiegel sanken.
Im Detail: Die hyperprolaktinämischen Mäuse zeigten eine übermäßige Vermehrung von Uterusgewebe und eine verdickte Endometrium-Schicht – beides klassische Anzeichen einer gestörten hormonellen Homöostase. HY7801 reduzierte beide Parameter signifikant.
2. Entzündungsdämpfung auf molekularer Ebene
Ein zentraler Aspekt des PMS ist die subklinische Entzündungsreaktion in der Lutealphase. Die Studie zeigte, dass HY7801 die Expression und Sekretion mehrerer pro-inflammatorischer Zytokine und Enzyme senkte:
- Serum-Zytokine: Interleukin-6 (IL-6), Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Interleukin-1β (IL-1β) wurden signifikant reduziert.
- Genexpression im Uterus: Die mRNA-Expression von TNF-α, IL-6, Cyclooxygenase-2 (COX-2) und induzierbarer Stickstoffmonoxidsynthase (iNOS) ging zurück.
Diese Befunde sind besonders relevant, da Entzündungsmarker eng mit PMS-Schweregrad korrelieren und die COX-2 das Schlüsselenzym für Prostaglandin-Synthese ist – jene Moleküle, die für Menstruationskrämpfe und Schmerzen verantwortlich sind.
3. Darm-Mikrobiom als Modulationsziel
Die 16S-rRNA-Sequenzierung des Darmmikrobioms ergab überraschende Veränderungen:
- Abnahme von Desulfovibrionaceae: Eine Bakterienfamilie, die mit psychischen Gesundheitsstörungen assoziiert ist und potenziell endotoxine Produziert.
- Abnahme von Staphylococcaceae: Oft mit Entzündungszuständen verbunden.
- Abnahme von Bacteroidaceae: Einige Vertreter dieser Familie können pro-inflammatorische Metaboliten bilden.
Bemerkenswert: Die relative Abundanz dieser drei Familien korrelierte positiv mit den Serum-Spiegeln von Prolaktin und pro-inflammatorischen Zytokinen – was auf einen direkten Zusammenhang zwischen Dysbiose und PMS-Pathophysiologie hindeutet.
4. Extrazelluläre Vesikel: Das direkte Wirkprinzip
Der vielleicht spannendste Aspekt der Studie: Die isolierten extrazellulären Vesikel von HY7801 zeigten eigenständige bioaktive Wirkungen:
- Zytoprotektive Effekte: Die EVs schützten Zellen vor Schädigung.
- Prolaktin-Inhibition: In östradiol-stimulierten GH3-Zellen unterdrückten die EVs die Prolaktin-Sekretion signifikant.
Dies belegt, dass der probiotische Effekt nicht nur indirekt über die Darmflora vermittelt wird, sondern auch direkt zellulär über bakterielle Vesikel als Signalmoleküle.
Interpretation: Was bedeutet das für Betroffene?
Die Studie eröffnet ein neues Paradigma im Verständnis von PMS: Das Darm-Mikrobiom ist nicht nur passiver Zuschauer, sondern aktiver Modulator des hormonellen und immunologischen Systems. Der Nachweis, dass spezifische probiotische Stämme nicht nur die Darmflora verschieben, sondern auch direkt zelluläre Mechanismen beeinflussen können, erweitert das therapeutische Spektrum erheblich.
Für Frauen mit PMS bedeutet dies: Die gezielte Einnahme probiotischer Präparate mit spezifischen Stämmen wie L. helveticus HY7801 könnte – neben der bereits etablierten Nährstoff- und Lifestyle-Intervention – eine zusätzliche evidenzbasierte Säule der Selbsthilfe darstellen.
Einschränkungen und offene Fragen
Wie bei jeder Pionierarbeit gibt es Einschränkungen zu bedenken:
- Tiermodell: Die Ergebnisse stammen aus einem Mausmodell der hyperprolaktinämieinduzierten PMS. Direkte Übertragbarkeit auf den menschlichen PMS-Komplex muss durch klinische Studien bestätigt werden.
- Industriekontext: Die Forscher sind am R&D Center von hy Co. Ltd. beschäftigt, dem Entwickler des HY7801-Stammes. Obwohl keine kommerziellen Interessenkonflikte deklariert wurden, ist der industrielle Kontext zu beachten.
- Dosierung und Dauer: Die verwendete Dosis von 10⁹ CFU/kg/Tag in Mäusen lässt sich nicht 1:1 auf den Menschen übertragen. Optimale humane Dosierung, Dauer und Zeitpunkt der Einnahme im Menstruationszyklus sind unklar.
- Individuelle Variabilität: Das Darm-Mikrobiom ist hochgradig individuell. Nicht jeder Stamm wirkt bei jedem Menschen gleich.
Fazit: Ein Durchbruch mit Potenzial
Die mechanistische Studie von Kim et al. (2025) liefert überzeugende experimentelle Evidenz dafür, dass Lactobacillus helveticus HY7801 PMS-Symptome über einzigartige duale Mechanismen lindern kann: durch Modulation der Darmflora und durch direkte zelluläre Effekte seiner extrazellulären Vesikel. Für eine multimodale PMS-Selbsthilfe eröffnet sich damit ein vielversprechendes neues Feld – das der gezielten Darmflora-Optimierung.
Quelle
Kim H, Gwon H, Jeong JW, Kim JY, Shim JJ, Lee JH. A Mechanistic Study of Lactobacillus helveticus HY7801 and Its Extracellular Vesicles in Premenstrual Syndrome: Role of Gut Microbiota and Hormonal Modulation. J Microbiol Biotechnol. 2025 Sep 11;35:e2507014. doi: 10.4014/jmb.2507.07014. PMID: 40935392; PMCID: PMC12438957.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
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