Einleitung: Wenn der Körper spricht, aber niemand zuhört
Fast jede zweite Frau im gebärfähigen Alter kennt es: die Tage vor der Periode, in denen der Körper Signale sendet – ein Ziehen im Unterleib, Spannungsgefühle, Herzklopfen, Stimmungsschwankungen. Doch was, wenn das Problem nicht die Signale selbst sind, sondern die Art und Weise, wie wir sie wahrnehmen?
Eine bahnbrechende Studie der Nagoya University, veröffentlicht 2025 im renommierten Fachjournal Frontiers in Neuroscience, offenbart einen bislang übersehenen Mechanismus des prämenstruellen Syndroms (PMS): Frauen mit PMS haben eine hohe Fähigkeit, ihre körperlichen Signale zu erkennen – aber gleichzeitig ein niedriges bewusstes Bewusstsein dafür. Dieser Diskrepanz könnte der Schlüssel zu einem besseren Verständnis von PMS sein.
Was ist Interozeption – und warum ist sie wichtig?
Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung innerer Körpersignale: Herzschlag, Atmung, Hunger, Schmerz, Muskelspannung. Sie ist die Grundlage für emotional Selbstregulation – wer seine Körpersignale gut deuten kann, kann auch besser mit Stress umgehen.
Bislang war unklar, ob Frauen mit PMS diese Fähigkeit überhaupt besitzen oder ob sie vielleicht „körperlich taub“ sind für ihre inneren Prozesse. Die japanischen Forscher um Dr. Yuki C. Suzuki und Prof. Hideki Ohira fanden eine überraschende Antwort.
Die Studie: Herzschlag-Zählung und Körperwahrnehmung
Das Forschungsteam untersuchte Frauen in der späten Lutealphase – der kritischen Zeit kurz vor der Menstruation. Zwei standardisierte Tests kamen zum Einsatz:
- Heartbeat Counting Task (HCT): Eine objektive Messung der interozeptiven Genauigkeit. Die Probandinnen mussten ihre eigenen Herzschläge zählen – ohne Puls zu fühlen. Wer hier gute Ergebnisse liefert, kann Körpersignale präzise erfassen.
- MAIA (Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness): Ein Fragebogen zur subjektiven Wahrnehmung des eigenen Körpers – also zum bewussten Bewusstsein für innere Vorgänge.
Zusätzlich wurde der emotionale Zustand erfasst und ein Stress-Paradigma durchgeführt: Baseline-Messung, Stressinduktion und Erholungsphase – mit kontinuierlicher Aufzeichnung der autonomen Nervenaktivität (Herzratenvariabilität).
Ergebnisse: Der gefährliche Diskrepanz
Die Ergebnisse waren eindeutig und in ihrer Deutlichkeit alarmierend:
- Hohe interozeptive Genauigkeit: Die PMS-Gruppe erzielte signifikant bessere Werte im Herzschlag-Zähltest als die Kontrollgruppe. Ihre Körperwahrnehmung war also objektiv besser – nicht schlechter.
- Niedriges Körperbewusstsein: Gleichzeitig zeigte die PMS-Gruppe niedrigere MAIA-Werte. Sie hatten weniger bewussten Zugang zu ihren Körperempfindungen – trotz ihrer überlegenen objektiven Leistung.
- Mehr negative Emotionen: Die PMS-Gruppe berichtete signifikant mehr negative Gefühle und Stresszustände in der späten Lutealphase.
Der Stress-Test: Der verlängerte parasympathische Rebound
Besonders aufschlussreich war der Verlauf unter Stress:
- Während der Erholungsphase nach Stress zeigte die PMS-Gruppe einen verstärkten parasympathischen Rebound – die „Bremsen“ des Nervensystems schalteten sich übermäßig ein.
- Dieser Effekt verstärkte sich mit wiederholter Stressinduktion: Die Herzschlag-Zählwerte stiegen progressiv an, was auf eine zunehmende Sensibilisierung hindeutet.
- Es gab einen signifikanten Gruppe-×-Zeit-Interaktionseffekt bei der parasympathischen Aktivität – ein statistischer Beleg für eine grundlegend unterschiedliche Stressverarbeitung.
Interpretation: Der unbewusste Körper als Risikofaktor
Die zentrale Erkenntnis ist der Mismatch zwischen „Können“ und „Wissen“: Frauen mit PMS erfassen ihre Körpersignale präzise (hohe Genauigkeit), aber sie bewusst erleben diese Wahrnehmung nicht angemessen (niedriges Bewusstsein).
Dieser Diskrepanz könnte erklären, warum PMS-Symptome so belastend wirken: Der Körper sendet verstärkte Signale, aber das Bewusstsein kann sie nicht adäquat integrieren. Es entsteht ein Zustand der „unbewussten Überflutung“ – körperliche und emotionale Reize werden verarbeitet, aber nicht bewusst reguliert.
Der verlängerte parasympathische Rebound nach Stress deutet zudem auf eine verzögerte oder übermäßige Stresserholung hin. Statt einer schnellen Normalisierung nach Stress bleibt das Nervensystem in einer Art „Überkompensationsmodus“ – was die typische Erschöpfung und emotionale Labilität in der prämenstruellen Phase verstärken könnte.
Einschränkungen der Studie
Die Studie weist methodische Grenzen auf: Die Stichprobe war relativ klein, und es handelte sich um eine Querschnittsstudie in der späten Lutealphase – kausale Schlüsse sind nicht möglich. Die Stressinduktion erfolgte im Labor, was die Übertragbarkeit auf alltägliche Stressoren einschränkt. Zudem basierten einige Messungen auf Selbstauskünften, die Verzerrungen unterliegen können. Längsschnittstudien über den gesamten Zyklus wären wünschenswert, um zu klären, ob der Interozeptions-Mismatch eine Ursache oder eine Folge von PMS ist.
Fazit: Ein neues Paradigma für PMS-Verständnis
Diese Studie eröffnet ein völlig neues Verständnis von PMS: Nicht die Unfähigkeit, Körpersignale zu spüren, ist das Problem – sondern die Diskrepanz zwischen präziser Wahrnehmung und bewusstem Bewusstsein. Frauen mit PMS sind nicht „körperlich taub“, sondern im Gegenteil besonders sensibel – aber ohne die bewusste Integration dieser Sensitivität.
Für die Praxis bedeutet das: Interventionen, die gezielt das bewusste Körperbewusstsein stärken – etwa Achtsamkeitstraining, Biofeedback oder körperorientierte Psychotherapie – könnten einen direkten Hebel auf den PMS-Mechanismus haben. Es geht nicht darum, die Körpersignale zu unterdrücken, sondern sie bewusst wahrzunehmen und zu regulieren.
Wie die Autoren betonen: „Dieser Mismatch zwischen Genauigkeit und Bewusstsein könnte einen maladaptiven Zustand für die psychische Gesundheit darstellen.“ – Ein dringender Aufruf, PMS nicht nur als hormonelles, sondern auch als Wahrnehmungsphänomen zu verstehen.
Quelle
Suzuki YC, Ohira H. Women with premenstrual syndrome exhibit high interoceptive accuracy, but low awareness, with parasympathetic rebound responses from stress. Front Neurosci. 2025 Feb 17;19:1489225. DOI: 10.3389/fnins.2025.1489225. PMID: 40035061. PMCID: PMC11872929 (Open Access).
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Bild: Unsplash – Lizenzfrei. Silhouette einer Frau in Yoga-Pose bei Sonnenuntergang am Wasser.
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