Einleitung: Wenn die Vergangenheit den Zyklus bestimmt
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) wird meist als hormonelles Problem betrachtet. Doch eine wachsende Zahl von Studien deutet darauf hin, dass die Wurzeln schwerer PMS-Symptome tiefer liegen könnten – in der Kindheit.
Eine neue Querschnittstudie der Shahid Beheshti University of Medical Sciences in Teheran, veröffentlicht im Mai 2026 in BMC Women’s Health, hat erstmals den komplexen Zusammenhang zwischen kindlichen Widrigkeiten, emotionaler Verarbeitung und PMS-Schwere untersucht. Das Ergebnis: Psychische Belastungen in der Kindheit sagen signifikant voraus, wie stark eine Frau heute unter PMS leidet – und das über einen bisher kaum beachteten Mechanismus: Alexithymie, die Unfähigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und zu benennen.
Studiendesign: Strukturgleichungsmodell mit 673 Teilnehmerinnen
Die Forscher um Mahsa Abdollahpour Kahriz rekrutierten 673 Medizinstudentinnen im reproduktiven Alter. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 21 Jahren. Alle Teilnehmerinnen füllten fünf validierte Fragebögen aus:
- Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) – erfasst emotionale, körperliche und sexuelle Misshandlung sowie emotionale und körperliche Vernachlässigung in der Kindheit
- Premenstrual Symptoms Screening Tool (PSST) – standardisiertes DSM-5-basiertes Screening-Instrument für PMS/PMDD
- Toronto Alexithymia Scale (TAS-20) – misst die Schwierigkeit, Gefühle zu identifizieren, zu beschreiben und außengerichtetes Denken
- Kessler Psychological Distress Scale (K10) – erfasst allgemeine psychische Belastung (Angst, Depression, Erschöpfung)
- Demografischer Fragebogen – Alter, BMI, Menarche-Alter, Zykluslänge, sozioökonomischer Status
Die Daten wurden mittels Structural Equation Modeling (SEM) in AMOS und SPSS Version 26 analysiert. SEM erlaubt es, nicht nur direkte, sondern auch indirekte (mediterende) Effekte zwischen mehreren Variablen gleichzeitig zu modellieren.
Ergebnisse: Ein Pfadmodell mit drei Ebenen
Das SEM-Modell zeigte eine hervorragende Passung zu den Daten. Die zentralen Pfade waren alle signifikant:
- Direkter Pfad: Kindheitstrauma → PMS-Schwere (B = 0,262; p < 0,01). Frauen mit belastenden Kindheitserfahrungen hatten direkt stärkere PMS-Symptome.
- Mediationspfad 1: Kindheitstrauma → Psychische Belastung → PMS. Allgemeiner psychischer Distress (K10) mediterte einen Teil der Beziehung – mit einem starken Effekt von psychischer Belastung auf PMS (B = 0,64; p < 0,001).
- Mediationspfad 2: Kindheitstrauma → Alexithymie → PMS. Alexithymie zeigte eine moderate positive Korrelation mit der PMS-Schwere (r = 0,409; p = 0,01) und einen direkten Pfadkoeffizienten von B = 0,35 (p < 0,001).
Das Gesamtmodell erklärte einen beträchtlichen Anteil der Varianz in der PMS-Symptomschwere. Besonders bemerkenswert: Der Pfad über Alexithymie war unabhängig vom Pfad über allgemeine psychische Belastung – es handelt sich um zwei getrennte psychologische Mechanismen.
Was bedeutet Alexithymie konkret?
Alexithymie – wörtlich „keine Worte für Gefühle“ – beschreibt die Schwierigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen, zu unterscheiden und sprachlich auszudrücken. Menschen mit hoher Alexithymie spüren körperliche Erregung, können sie aber nicht als „Angst“, „Wut“ oder „Traurigkeit“ einordnen. In der Lutealphase, wenn hormonelle Schwankungen ohnehin die emotionale Sensitivität erhöhen, führt dies zu einer Spirale: Der Körper sendet Signale, die nicht entschlüsselt werden können – was Stress, Hilflosigkeit und letztlich verstärkte PMS-Symptome auslöst.
Interpretation: Warum die Kindheit den Zyklus prägt
Die Studie liefert einen wichtigen Baustein für ein biopsychosoziales Verständnis von PMS. Kindliche Widrigkeiten – sei es emotionale Vernachlässigung, körperliche Misshandlung oder ein instabiles familiäres Umfeld – verändern die Stressreaktivität des sich entwickelnden Gehirns nachhaltig. Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) wird chronisch dysreguliert, was später im Leben zu einer überschießenden Reaktion auf hormonelle Schwankungen führen kann.
Alexithymie könnte dabei der „fehlende Link“ sein: Wer als Kind gelernt hat, Gefühle zu unterdrücken oder zu ignorieren (ein häufiger Bewältigungsmechanismus in traumatischen Umgebungen), dem fehlt im Erwachsenenalter die Fähigkeit zur Emotionsregulation – genau dann, wenn der Zyklus sie am dringendsten braucht.
Einschränkungen
Die Studie hat Limitationen: Als Querschnittstudie kann sie keine Kausalität beweisen. Die Stichprobe bestand ausschließlich aus Medizinstudentinnen einer Universität in Teheran, was die Übertragbarkeit auf andere Populationen einschränkt. Zudem basierten alle Daten auf Selbstauskünften, was sozial erwünschtes Antwortverhalten begünstigen kann. Kindheitstraumata wurden retrospektiv erfasst, was Erinnerungsverzerrungen unterliegt. Zukünftige Längsschnittstudien sollten diese Befunde validieren.
Fazit und klinische Implikationen
Diese Studie hat weitreichende Bedeutung für die gynäkologische und psychotherapeutische Praxis. Die Autorinnen empfehlen ausdrücklich, dass Ärzte – insbesondere Gynäkologinnen und Gynäkologen – bei Patientinnen mit schwerem PMS auch nach psychosozialen Belastungsfaktoren fragen sollten. Ein routinemäßiges Screening auf Kindheitstraumata und Alexithymie könnte helfen, diejenigen Frauen zu identifizieren, die von einer gezielten psychotherapeutischen Mitbehandlung profitieren würden – etwa durch emotionsfokussierte Therapie oder dialektisch-behaviorale Interventionen, die spezifisch Alexithymie adressieren.
Quelle: Kahriz MA, Bahri N, Kianimoghadam AS, Arani AM, Riazi H. Relationship between childhood adversity and premenstrual syndrome: mediating role of alexithymia and psychological distress in medical students. BMC Women’s Health. 2026. PubMed 42163214 | DOI: 10.1186/s12905-026-04392-4
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei PMS-Beschwerden oder psychischen Belastungen wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder eine psychotherapeutische Fachperson.