Akupunktur und Akupressur gegen PMS: Network-Meta-Analyse mit 1.818 Patientinnen identifiziert wirksamste TCM-Methoden
Während westliche PMS-Forschung vor allem auf Pharmakologie und Nahrungsergänzung setzt, bietet die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) einen völlig anderen Ansatz. Eine neue Network-Meta-Analyse aus China hat erstmals systematisch untersucht, welche externen TCM-Therapien bei PMS am wirksamsten sind – mit überraschend klaren Ergebnissen für Akupunktur und Ohrakupressur.
Die Lücke: TCM bei PMS – viel Praxis, wenig Evidenz
Akupunktur, Akupressur, Moxibustion und Schröpfen werden in China und zunehmend auch in westlichen Ländern bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt. Doch während es hunderte Einzelstudien gibt, fehlte bislang eine systematische Vergleichsuntersuchung: Welche der verschiedenen externen TCM-Methoden ist am effektivsten? Und sind Kombinationstherapien besser als Monotherapien?
Die Forschergruppe um Xie, Zhao und Fan von der Changchun University of Chinese Medicine hat diese Lücke nun mit einer umfassenden Bayesian Network-Meta-Analyse geschlossen – veröffentlicht im Februar 2026 im Fachjournal Frontiers in Psychiatry.
Die Studie: 21 RCTs, 1.818 Patientinnen, 8 Datenbanken
Die systematische Übersichtsarbeit folgte strengen PRISMA-Richtlinien und durchsuchte acht internationale und chinesische Datenbanken (PubMed, Cochrane, CNKI, Wanfang u.a.) bis zum 10. März 2025. Einschlusskriterien waren randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), die externe TCM-Therapien bei Frauen mit diagnostiziertem PMS untersuchten.
Studiendesign im Überblick:
- Design: Systematische Übersicht und Bayesian Network-Meta-Analyse
- Eingeschlossene Studien: 21 RCTs
- Teilnehmerinnen: 1.818 Frauen mit PMS
- Untersuchte Therapien: Akupunktur (verschiedene Stile), Ohrakupressur, Moxibustion, Schröpfen, Tuina-Massage sowie Kombinationen dieser Verfahren
- Primäre Endpunkte: Gesamteffektivitätsrate (Total Effective Rate, TER) und Symptomschwere-Scores
- Analysemethode: Bayesian Network-Meta-Analyse mit SUCRA-Ranking (Surface Under the Cumulative Ranking Curve)
- Registrierung: PROSPERO CRD42025643025
Die SUCRA-Werte geben an, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Therapie die beste unter allen verglichenen Optionen ist. Ein Wert von 100 bedeutet: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die wirksamste Option.
Ergebnis 1: Jianpi-Shugan-Akupunktur an der Spitze
Bei der Gesamteffektivitätsrate – also dem Anteil der Patientinnen mit klinisch relevanter Verbesserung – setzte sich die Jianpi-Shugan-Akupunktur mit einem SUCRA-Wert von 95,7 an die Spitze. Diese spezifische Akupunkturform zielt auf die Stärkung der Milz-(Pi)-Funktion und die Regulation des Leber-(Gan)-Qi ab – zwei Organsysteme, die aus TCM-Sicht bei PMS zentral betroffen sind.
Die Milz reguliert in der TCM-Vorstellung die Umwandlung von Nahrung in Qi und Blut und steuert den Flüssigkeitshaushalt. Die Leber ist für den freien Fluss des Qi zuständig – wird dieser blockiert (Leber-Qi-Stagnation), entstehen die klassischen PMS-Symptome wie Reizbarkeit, Brustspannen und Stimmungsschwankungen.
Ergebnis 2: Ohrakupressur verbessert Symptom-Scores am stärksten
Bei den Symptom- und Zeichen-Scores – einem detaillierteren Maß für die tatsächliche Symptomschwere – führte die Ohrakupressur das Feld an (SUCRA = 71,2). Ohrakupressur nutzt kleine Samenkörner oder Kügelchen, die mit Pflaster auf spezifische Punkte der Ohrmuschel geklebt werden und dort kontinuierlichen Druck ausüben – eine Art Dauerakupunktur, die Patientinnen eigenständig stimulieren können.
Die relevanten Ohrpunkte bei PMS umfassen typischerweise Shenmen (Beruhigung), Endokrine Punkte (hormonelle Regulation), Leber- und Nierenpunkte sowie Punkte des weiblichen Reproduktionssystems.
Ergebnis 3: Kombinationstherapien effektiver als Monotherapien
Die Network-Meta-Analyse bestätigte einen klaren Trend: Kombinationen externer TCM-Verfahren – etwa Akupunktur plus Ohrakupressur – erzielten bessere Ergebnisse als die jeweiligen Einzelanwendungen. Dies deckt sich mit dem TCM-Prinzip der synergistischen Therapie, bei der verschiedene Zugangswege (Körperakupunktur + Ohrpunkte + manuelle Techniken) kombiniert werden.
Ergebnis 4: Praktisch keine Nebenwirkungen
Ein entscheidender Vorteil gegenüber pharmakologischen Ansätzen: Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden in keiner der 21 Studien berichtet. Leichte lokale Reaktionen (kleine Hämatome an Einstichstellen, vorübergehende Hautreizung durch Pflaster) waren selten und selbstlimitierend.
Was bedeuten die Ergebnisse für PMS-Betroffene?
Für Frauen mit PMS, die nach nicht-pharmakologischen Therapien suchen, liefert diese Network-Meta-Analyse wertvolle Orientierung:
1. Akupunktur als First-Line-TCM-Therapie
Jianpi-Shugan-Akupunktur ist die evidenzbasiert wirksamste externe TCM-Monotherapie für PMS. In Deutschland wird Akupunktur bei Menstruationsbeschwerden von vielen gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen – der Besuch bei einer qualifizierten TCM-Praktikerin oder einem Heilpraktiker mit Akupunktur-Schwerpunkt ist aber eine kostengünstige Privatleistung (typischerweise 40–80 € pro Sitzung). Üblich sind 8–12 Sitzungen über 2–3 Zyklen.
2. Ohrakupressur für den Heimgebrauch
Ohrakupressur ist besonders interessant für den Alltag: Sie ist schmerzfrei, nicht-invasiv und kann nach fachkundiger Anleitung auch zu Hause angewendet werden. Die kontinuierliche Stimulation durch Samenkörner über mehrere Tage pro Zyklus – meist während der Lutealphase – bietet einen praktischen Vorteil gegenüber der punktuellen Akupunktursitzung.
3. Kombination schlägt Einzeltherapie
Die beste Evidenz gibt es für die Kombination aus Körperakupunktur und Ohrakupressur. Eine reine Monotherapie ist weniger effektiv als eine synergistische Strategie mit zwei bis drei TCM-Verfahren.
4. Keine Wundermittel – aber ein valider Baustein
Die Autoren betonen, dass externe TCM-Therapien als ergänzende oder alternative Therapie zu verstehen sind – nicht als Ersatz für eine ärztliche Diagnose oder schulmedizinische Behandlung bei schwerem PMS/PMDD.
Einschränkungen der Meta-Analyse
Trotz der methodischen Stärke der Network-Meta-Analyse nennen die Autoren wichtige Limitationen:
- Studienqualität: Die meisten eingeschlossenen RCTs hatten ein unklares Verzerrungsrisiko aufgrund unzureichender Berichterstattung zu selektivem Reporting; sechs Studien wurden als hohes Risiko bei der Randomisierungsdokumentation eingestuft
- Geografische Konzentration: Fast alle Studien stammten aus China – kulturelle, ethnische und gesundheitssystemische Übertragbarkeit auf westliche Länder ist nicht gesichert
- Kleine Samples: Mit durchschnittlich 87 Teilnehmerinnen pro Studie ist die Power limitiert
- Fehlende direkte Vergleichsstudien: Zwischen vielen Therapiepaaren existieren keine direkten Head-to-Head-Vergleiche; die NMA schätzt diese indirekt
- Keine Placebo-Kontrolle: Sham-Akupunktur wurde in den meisten Studien nicht verwendet, sodass Placebo-Effekte nicht quantifizierbar sind
- Keine PMDD-Differenzierung: Die Studien unterschieden nicht zwischen PMS und PMDD
Fazit: TCM als evidenzbasierte Option im PMS-Management
Die Network-Meta-Analyse von Xie et al. (2026) ist die bislang umfassendste systematische Untersuchung externer TCM-Therapien bei PMS. Mit 1.818 Patientinnen aus 21 RCTs liefert sie robuste Evidenz, dass Jianpi-Shugan-Akupunktur die höchste Gesamteffektivität und Ohrakupressur die stärkste Symptomlinderung erzielt. Kombinationstherapien sind Monotherapien überlegen, und das bei praktisch keinen Nebenwirkungen.
Für die vielen Frauen, die monatlich unter PMS leiden und pharmakologische Behandlungen vermeiden möchten, eröffnet diese Analyse einen fundierten, evidenzbasierten Pfad in die Traditionelle Chinesische Medizin. Die Botschaft ist klar: Akupunktur und Akupressur sind keine Esoterik – sie sind systematisch beforschte, wirksame Werkzeuge im PMS-Management.
Wichtig: Bei schweren PMS-Symptomen oder Verdacht auf PMDD sollte TCM als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung verstanden werden. Qualifizierte TCM-Praktiker finden Sie über Berufsverbände wie die Arbeitsgemeinschaft für Chinesische Medizin (AGTCM) oder den Fachverband Chinesische Medizin.
Quelle: Xie Y, Zhao J, Fan S, Yang N, Liu H, Guo Y, Feng X, Wang Z, Zhang M, Wang F. Efficacy comparison of different external traditional Chinese medicine therapies as monotherapy or in combination for premenstrual syndrome: a systematic review and network meta-analysis. Front Psychiatry. 2026;17:1720232. doi: 10.3389/fpsyt.2026.1720232. PMID: 41717558; PMCID: PMC12913161.
PROSPERO-Registrierung: CRD42025643025
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte eine qualifizierte Ärztin oder einen qualifizierten Arzt. Akupunktur und andere TCM-Verfahren sollten nur von qualifizierten Fachpersonen durchgeführt werden. Die dargestellten Studienergebnisse sind wissenschaftliche Erkenntnisse und stellen keine Behandlungsempfehlung dar.