Einleitung: Wenn der Zyklus auf die Gene trifft
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) betrifft schätzungsweise 20–40 % aller menstruierenden Frauen in störender Form. Während die Forschung lange Zeit auf Hormonschwankungen, Entzündungen und psychosoziale Faktoren fokussiert war, rückt nun ein übersehener Aspekt ins Rampenlicht: die individuelle Genetik des Folsäure-Stoffwechsels. Eine bahnbrechende Studie aus Kanada, veröffentlicht 2025 im renommierten Fachjournal British Journal of Nutrition, liefert erstmals robuste Evidenz dafür, dass der MTHFR-Genotyp in Kombination mit der täglichen Folsäurezufuhr das Risiko für prämenstruelle Depression maßgeblich beeinflusst.
Die Studie: Zeitoun & El-Sohemy 2025 – 678 Frauen, ein genetischer Durchbruch
Das Forschungsteam um Tara Zeitoun und Ahmed El-Sohemy von der University of Toronto führte die erste große populationsbasierte Studie durch, die systematisch untersuchte, wie Folsäureaufnahme und genetische Variation im MTHFR-Gen mit prämenstruellen Symptomen interagieren.
Studiendesign im Überblick
- Teilnehmerinnen: 678 Frauen im Alter von 20–29 Jahren
- Studie: Toronto Nutrigenomics and Health Study (querschnittlich)
- PMS-Messung: 15 selbstberichtete prämenstruelle Symptome (PSST-basiert)
- Ernährungserfassung: Validierter 196-Item Toronto-modifizierter Harvard Food-Frequency-Questionnaire
- Genotypisierung: MTHFR C677T (rs1801133) aus peripheren Blutleukozyten
- Median-Folsäurezufuhr: 647 µg/Tag
- Journal: British Journal of Nutrition (Impact Factor ~3,6)
Die Ergebnisse: Genetik allein reicht nicht – der Kontext zählt
1. MTHFR-Genotyp beeinflusst prämenstruelle Depression
Die logistische Regression zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem T-Allel des MTHFR-C677T-Polymorphismus und prämenstrueller Depression:
- CT-Genotyp: OR 1,66 (95 % CI: 0,98–2,87)
- TT-Genotyp: OR 2,41 (95 % CI: 1,08–5,38)
- Interpretation: Frauen mit dem TT-Genotyp hatten ein 2,4-fach erhöhtes Risiko für prämenstruelle Depression im Vergleich zum CC-Referenzgenotyp.
2. Der entscheidende Interaktionseffekt: Folsäure schützt – aber nur bei ausreichender Zufuhr
Der zentrale Befund der Studie: Der Zusammenhang zwischen MTHFR-Genotyp und Depression war nur bei niedriger Folsäurezufuhr signifikant:
- Niedrige Folsäurezufuhr (<647 µg/Tag): Starke Assoziation zwischen T-Allel und Depression
- Hohe Folsäurezufuhr (≥647 µg/Tag): Kein signifikanter Zusammenhang zwischen MTHFR-Genotyp und Depression
Dies bedeutet: Ausreichende Folsäurezufuhr kann das genetische Risiko kompensieren.
3. Additiver Effekt des T-Allels bei niedriger Folsäurezufuhr
Bei Frauen mit niedriger Folsäurezufuhr zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt:
- Je mehr T-Allele vorhanden (CC → CT → TT), desto höher das Depressionsrisiko
- Dieser additive Trend bestätigt die biologische Plausibilität des Befunds
Warum wirkt Folsäure auf PMS? Plausible Mechanismen
1. Die MTHFR-Enzym-Kaskade
Das Enzym Methylentetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR) katalysiert die Umwandlung von 5,10-Methylentetrahydrofolat zu 5-Methyltetrahydrofolat – der aktiven Form, die als Methylgruppen-Donor für die Homocystein-Methionin-Umwandlung dient. Das T-Allel (C677T) reduziert die Enzymaktivität um 30–40 % (CT) bis 60–70 % (TT).
2. Homocystein und Neurotransmitter
Eine verminderte MTHFR-Aktivität führt zu:
- Erhöhten Homocysteinspiegeln – ein neurotoxischer Aminosäurestoffwechselzwischenprodukt
- Verminderter S-Adenosylmethionin (SAM) – dem universellen Methylgruppen-Donor
- Gestörter Neurotransmitter-Synthese – insbesondere Serotonin, Dopamin und Noradrenalin
3. Epigenetische Modulation
Folsäure und seine Metaboliten sind zentral für DNA-Methylierung – eine epigenetische Regulation, die Genexpression steuert. Eine gestörte Methylierung könnte Gene betreffen, die für Stimmungsregulation, Stressresistenz und Hormonrezeptorfunktion kodieren.
4. Zyklusabhängige Folsäure-Dynamik
Die Lutealphase ist durch einen erhöhten Folsäurebedarf gekennzeichnet – durch gesteigerte Zellteilung, Hormonsynthese und Neurotransmitter-Produktion. Frauen mit genetisch bedingt eingeschränktem Folsäure-Stoffwechsel könnten in dieser Phase besonders anfällig für Depressions-Symptome sein.
Einschränkungen der Studie
Die Autoren weisen zu Recht auf wichtige Limitationen hin:
- Querschnittsdesign: Keine Kausalität herleitbar – die Richtung der Assoziation bleibt unklar
- Selbstberichtete Symptome: PMS und Depression wurden durch Fragebögen erfasst, nicht durch klinische Interviews
- Junge Population: Nur Frauen im Alter von 20–29 Jahren – die Generalisierbarkeit auf ältere Frauen ist unklar
- Keine objektiven Biomarker: Homocysteinspiegel, SAM/SAH-Verhältnis oder genomweite Methylierung wurden nicht erhoben
- Median-Split: Die dichotome Einteilung in niedrige/hohe Folsäurezufuhr (Median 647 µg/Tag) verliert Informationen über die kontinuierliche Dosis-Wirkungs-Beziehung
- Einzelnes SNP: Nur MTHFR C677T untersucht – andere Folsäure-relevante Polymorphismen (z.B. A1298C, MTR, MTRR) wurden nicht berücksichtigt
Interpretation und klinische Bedeutung
Trotz der Einschränkungen ist die Studie von höchster Relevanz:
- Sie ist eine der ersten, die den Interaktionseffekt zwischen MTHFR-Genotyp und Folsäurezufuhr bei PMS quantifiziert
- Der Gen-Umwelt-Interaktion (GxE) zeigt, dass genetische Prädisposition nicht deterministisch ist – Ernährung kann modifizieren
- Die Ergebnisse decken sich mit der breiten Literatur zu Folsäure und Depression und erweitern diese auf den zyklusabhängigen Kontext
- Die Studie stützt das Konzept der Nutrigenomik – individualisierte Ernährung basierend auf genetischem Profil
Praktische Implikationen: Was bedeutet das für Betroffene?
1. Folsäurezufuhr optimieren
Die empfohlene Tageszufuhr für Folsäure beträgt 400 µg/Tag (D-A-CH-Referenzwerte). Die Studie zeigt, dass eine Zufuhr über dem Median von 647 µg/Tag das genetische Risiko kompensieren kann. Quellen für Folsäure:
- Lebensmittel: Leber, Hülsenfrüchte, dunkelgrünes Blattgemüse (Spinat, Brokkoli), Vollkornprodukte, Zitrusfrüchte
- Nahrungsergänzungsmittel: 400–800 µg Folsäure oder 5-MTHF (Methylfolat) – die aktive Form, die auch bei MTHFR-Varianten wirksam ist
2. MTHFR-Genotyp bestimmen lassen
Frauen mit schwerem PMS und depressiven Symptomen könnten von einem genetischen Screening auf MTHFR C677T profitieren. Bei Vorliegen des T-Allels ist eine angepasste Folsäure-Strategie sinnvoll:
- CT-Genotyp: Erhöhte Folsäurezufuhr durch Ernährung und ggf. Supplementierung mit 5-MTHF
- TT-Genotyp: Besonders strenge Aufmerksamkeit für ausreichende Folsäurezufuhr, möglicherweise höhere Supplementdosen (nach ärztlicher Beratung)
3. 5-MTHF (Methylfolat) vs. Folsäure
Bei MTHFR-Varianten könnte 5-MTHF (L-Methylfolat) die bessere Wahl sein, da es den enzymatischen Schritt umgeht, der durch die Mutation beeinträchtigt ist. Allerdings liegen für PMS noch keine spezifischen RCT-Daten vor – die Logik ist aber plausibel.
4. Kombination mit B-Vitaminen
Folsäure arbeitet synergistisch mit Vitamin B12 und B6. Eine Kombination aus allen drei B-Vitaminen könnte den Methylierungszyklus optimal unterstützen – insbesondere bei genetisch bedingten Stoffwechselbeeinträchtigungen.
Fazit: PMS wird personalisiert
Die kanadische Studie von Zeitoun & El-Sohemy markiert einen Wendepunkt: PMS ist nicht nur ein hormonelles Phänomen, sondern ein genetisch-ernährungsmedizinisches Interaktionsphänomen. Der MTHFR-Genotyp bestimmt, wie effizient der Körper Folsäure verarbeitet – und dies wiederum beeinflusst das Risiko für prämenstruelle Depression.
Für Betroffene bedeutet das: Das Verständnis der eigenen Genetik ist mehr als Kuriosität – es ist ein Handlungsansatz. Frauen mit MTHFR-Varianten können durch gezielte Folsäurezufuhr ihr genetisches Risiko modifizieren. Die Ära der personalisierten Nutrigenomik im PMS-Management hat begonnen.
Die Botschaft ist klar: Nicht jede Frau reagiert gleich auf PMS – und nicht jede Frau braucht die gleiche Ernährung. Genetik und Ernährung gehen Hand in Hand.
Quellenangabe
Primärstudie:
Zeitoun T, El-Sohemy A. Folate intake, MTHFR genotype and premenstrual symptoms. Br J Nutr. 2025;135(6):1–11. doi: 10.1017/S0007114525103620. PMID: 40488635. PMCID: PMC13198957.
Unterstützende Literatur:
- Chocano-Bedoya PO, Manson JE, Hankinson SE, et al. Dietary B vitamin intake and incident premenstrual syndrome. Am J Clin Nutr. 2011;93:1080–1086. PMID: 21346091.
- Bender A, Hagan KE, Kingston N. The association of folate and depression: a meta-analysis. J Psychiatr Res. 2017;95:9–18. PMID: 28759846.
- Lewis SJ, Lawlor DA, Davey Smith G, et al. The thermolabile variant of MTHFR is associated with depression in the British Women’s Heart and Health Study and a meta-analysis. Mol Psychiatry. 2006;11:352–360. PMID: 16402130.
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei schweren PMS- oder PMDD-Symptomen konsultieren Sie bitte einen Facharzt für Frauenheilkunde oder Psychiatrie. Die aufgeführten Studien stellen wissenschaftliche Forschungsergebnisse dar, die keine individuelle Therapieempfehlung darstellen. Genetische Tests und Nahrungsergänzungsmittel sollten immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen. Die empfohlene Tageszufuhr für Folsäure beträgt 400 µg/Tag (D-A-CH-Referenzwerte). Eine Überdosierung kann Nebenwirkungen haben.
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