Einleitung: Wenn die Ernährung nicht reicht

Fast jede Frau kennt sie: die Tage vor der Periode, in denen plötzlich alles schwerer fällt – die Stimmung sinkt, die Konzentration lässt nach, der Körper fühlt sich schwer an. Viele Betroffene greifen dann zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Magnesium, Omega-3 oder Calcium. Doch was, wenn der entscheidende Faktor nicht nur in der Menge der Nährstoffe liegt, sondern in der individuellen Verarbeitung im Körper?

Eine bahnbrechende Studie, im Juni 2025 im renommierten British Journal of Nutrition veröffentlicht, liefert nun überzeugende Hinweise: Folsäure könnte vor prämenstrueller Depression schützen – aber nur, wenn der Körper sie auch richtig verwerten kann. Der Schlüssel dazu steckt im Erbgut.

Die Studie: 678 junge Frauen, Ernährung und DNA im Blick

Das Forschungsteam der University of Toronto nutzte Daten der Toronto Nutrigenomics and Health Study. Über 678 Frauen im Alter von 20 bis 29 Jahren wurden intensiv untersucht:

  • Symptom-Erfassung: 15 prämenstruelle Symptome selbstberichtet, darunter Depression, Reizbarkeit, Müdigkeit, Schmerzen
  • Ernährungsanalyse: Validierter 196-Item Food-Frequency-Questionnaire (Toronto-modifizierte Harvard-FFQ)
  • Genetik: DNA aus weißen Blutkörperchen, Genotypisierung der MTHFR-C677T-Polymorphismus (rs1801133)

Der MTHFR-C677T-Polymorphismus ist eine der bekanntesten genetischen Varianten im Stoffwechsel. Das Enzym MTHFR (Methylentetrahydrofolat-Reduktase) wandelt Folsäure in ihre bioaktive Form L-5-MTHF um. Die T-Variante reduziert die Enzymaktivität deutlich – um bis zu 70 Prozent bei homozygoten Trägerinnen (TT).

Die Ergebnisse: Genotyp trifft auf Folsäuremangel

Die Forscher teilten die Teilnehmerinnen nach der täglichen Folsäurezufuhr in zwei Gruppen ein – unter und über dem Median von 647 Mikrogramm pro Tag. Dann prüften sie, wie MTHFR-Genotyp und Folsäure zusammenwirken:

1. Prämenstruelle Depression: Der dramatische Genotyp-Effekt bei niedriger Folsäurezufuhr

Bei Frauen mit niedriger Folsäurezufuhr zeigte sich ein klarer, additiver Effekt des T-Allels:

  • CC-Genotyp (Normal): Referenzgruppe
  • CT-Genotyp (Heterozygot): OR 1,66 (95% CI: 0,98–2,87) – Trend zum erhöhten Risiko
  • TT-Genotyp (Homozygot): OR 2,41 (95% CI: 1,08–5,38) – signifikant mehr als doppeltes Risiko für prämenstruelle Depression

2. Der Schutzmechanismus: Hohe Folsäurezufuhr neutralisiert den Genotyp-Risiko

Der entscheidende Befund: Bei Frauen mit ausreichender Folsäurezufuhr über 647 mcg/Tag verschwand der Zusammenhang zwischen MTHFR-Genotyp und prämenstrueller Depression vollständig. Hohe Folsäurezufuhr schien den genetischen Nachteil zu kompensieren.

Interpretation: Warum Folsäure für das prämenstruelle Gehirn so wichtig ist

Folsäure ist ein essenzieller Cofaktor für die Synthese von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin – alle Neurotransmitter, die im prämenstruellen Syndrom eine zentrale Rolle spielen. Die MTHFR-Enzymaktivität bestimmt, wie effizient Folsäure in die bioaktive Form L-5-MTHF umgewandelt wird, die das Gehirn direkt nutzen kann.

Bei MTHFR-TT-Trägerinnen mit niedriger Folsäurezufuhr entsteht ein doppelter Nachteil:

  1. Reduzierte Umwandlung: Weniger aktives Folsäurederivat steht zur Verfügung
  2. Unzureichende Zufuhr: Der Rohstoff fehlt für die Kompensation
  3. Ergebnis: Gestörte Neurotransmittersynthese, insbesondere Serotonin, mit erhöhtem Risiko prämenstrueller Depression

Einschränkungen der Studie

Wie bei jeder Forschung gibt es auch hier Einschränkungen zu nennen:

  • Querschnittsdesign: Keine kausalen Schlussfolgerungen möglich
  • Selbstberichtete Symptome: Keine prospektive Tagebuchmethode (DRSP)
  • Junge Population: Ergebnisse auf ältere Frauen übertragbar?
  • Keine Blutfolsäurewerte: Nährstoffstatus im Gewebe nicht direkt gemessen
  • Einzelpolymorphismus: Weitere MTHFR-Varianten (A1298C) nicht berücksichtigt

Fazit: Personalisierte Prävention durch Nutrigenomik?

Diese Studie eröffnet ein faszinierendes Feld: Die Verbindung von Genetik und Ernährung bei PMS. Sie legt nahe, dass Frauen mit MTHFR-C677T-TT-Variante besonders von einer ausreichenden Folsäurezufuhr profitieren könnten – und dass die bloße Empfehlung „Iss mehr Blattspinat“ möglicherweise nicht für alle gleichermaßen gilt.

Zukünftige Forschung sollte untersuchen, ob gezielte Folsäuregabe (idealerweise in Methylfolatform für TT-Trägerinnen) prämenstruelle Symptome reduzieren kann. Die Ära der personalisierten Nutrigenomik für Frauengesundheit könnte näher sein, als wir denken.


Quelle: Folate intake, MTHFR genotype and premenstrual symptoms. Br J Nutr. 2025 Jun 9. PMID: 40488635


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