Einleitung: Wenn der Verstand nicht mehr so recht mitspielt
Kennen Sie das? Kurz vor der Periode fühlt es sich an, als würde das Gehirn nur noch auf Sparflamme laufen. Wo sonst mühelos mehrere Dinge parallel erledigt werden, braucht es jetzt doppelte Anstrengung. Eine E-Mail verfassen, während das Telefon klingelt? Unerledigte To-dos im Kopf sortieren? Das fühlt sich plötzlich an wie körperliche Arbeit – nur eben im Kopf.
Viele Frauen mit prämenstruellem Syndrom (PMS) oder prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDD) berichten von genau dieser Erfahrung: kognitive Einschränkungen, die weit über Stimmungsschwankungen hinausgehen. Doch was steckt tatsächlich dahinter? Sind es nur subjektive Gefühle – oder gibt es messbare, objektive Defizite in kognitiven Kernfunktionen?
Eine bahnbrechende Studie aus Österreich, veröffentlicht im Juni 2026 im renommierten Fachjournal Biological Psychiatry Global Open Science, liefert nun erstmals robuste Evidenz: Frauen mit PMS/PMDD zeigen tatsächlich defizite in exekutiven Funktionen – und diese sind erstaunlicherweise nicht phasenabhängig.
Die Studie: Was wurde untersucht?
Das Forschungsteam um die klinische Psychologin Dr. Angelika Gnaiger (Universität Salzburg) und Dr. Belinda Pletzer (Universität Innsbruck) führte eine sorgfältig kontrollierte Querschnittsstudie mit 105 regelmäßig menstruierenden Frauen im Alter von 19 bis 35 Jahren durch. Alle Teilnehmerinnen wurden über drei vollständige Menstruationszyklen in drei verschiedenen Phasen getestet:
- Mitte der Follikelphase (niedrige Hormone, vergleichsweise stabiler Zustand)
- Mitte der Lutealphase (steigende Progesteron- und Östrogenspiegel)
- Späte Lutealphase (kurz vor der Periode, typische PMS-Phase)
Die Frauen wurden mittels standardisierter Fragebögen (zwei Zyklen lang getrackt) in zwei Gruppen eingeteilt:
- PMS/PMDD-Gruppe: 51 Frauen mit signifikanten prämenstruellen Symptomen
- Kontrollgruppe: 54 Frauen ohne relevante Beschwerden
Beide Gruppen absolvierten zwei etablierte kognitive Testverfahren, die exekutive Funktionen objektiv messen:
- n-back-Task: Ein Arbeitsgedächtnistest, bei dem Teilnehmerinnen angeben müssen, ob ein aktuelles Stimulus-Objekt mit einem vorherigen übereinstimmt. Die Aufgabe wurde in drei Schwierigkeitsstufen (0-back, 1-back, 2-back) durchgeführt, wobei die höchste Stufe die maximale kognitive Belastung darstellt.
- Stop-Signal-Task: Ein Test der inhibitorischen Kontrolle (Impulskontrolle). Die Frauen müssen schnell auf ein Ziel reagieren – aber manchmal ertönt ein Stop-Signal, das die bereits eingeleitete Reaktion unterbrechen soll. Die Reaktionszeit auf dieses Stop-Signal (Stop-Signal-Reaction-Time, SSRT) ist ein objektiver Maßstab für die Fähigkeit, impulsive Handlungen zu bremsen.
Zusätzlich wurden Speichelproben in allen drei Phasen genommen, um Östradiol- und Progesteronspiegel zu bestimmen und mögliche hormonelle Einflüsse auf die kognitive Leistung zu kontrollieren.
Die Ergebnisse: Drei entscheidende Befunde
1. Arbeitsgedächtnis-Defizite unter hoher kognitiver Belastung
Die PMS/PMDD-Gruppe zeigte signifikant schlechtere Leistungen im n-back-Task – aber nur unter der höchsten kognitiven Belastung (2-back). Bei einfacheren Aufgaben gab es keinen Unterschied. Das bedeutet: Das Arbeitsgedächtnis ist nicht grundsätzlich geschwächt, sondern bricht erst dann ein, wenn die kognitive Last den kritischen Punkt überschreitet.
Besonders überraschend: Diese Defizite waren in allen drei Zyklusphasen gleich stark ausgeprägt – also nicht nur in der prämenstruellen Phase, sondern auch in der Follikelphase, wenn die Hormone niedrig und die Symptome minimal sind.
2. Inhibitorische Kontrolle dauerhaft beeinträchtigt
Die Stop-Signal-Reaction-Time (SSRT) – also die Zeit, die die Frauen brauchten, um eine bereits eingeleitete Reaktion zu stoppen – war in der PMS/PMDD-Gruppe signifikant länger als in der Kontrollgruppe. Und auch hier: Der Effekt war phasenunabhängig, er trat in allen drei Zyklusphasen auf.
Was die klinische Relevanz unterstreicht: Je länger die SSRT, desto schwerer die prämenstruellen Symptome – es gab eine signifikante positive Korrelation zwischen der Stärke der Impulskontroll-Defizite und der subjektiv erlebten PMS-Schwere.
3. Kein Zusammenhang mit Hormonspiegeln
Der vielleicht aufsehenerregendste Befund: Weder Östradiol- noch Progesteronspiegel korrelierten signifikant mit den kognitiven Leistungsdefiziten. Die klassische Erklärung „Hormone machen das Gehirn träge“ scheint hier nicht auszureichen.
Die Autoren schlussfolgern, dass die kognitiven Beeinträchtigungen „trait-like“ sind – also eine relativ stabile Eigenschaft der betroffenen Frauen, nicht eine vorübergehende, zyklusabhängige Schwankung.
Interpretation: Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Studie stellt ein wichtiges Paradigma in der PMS-Forschung in Frage. Lange wurde angenommen, dass kognitive Probleme bei PMS vor allem durch die hormonelle Achterbahn in der Lutealphase verursacht werden. Die Ergebnisse von Gnaiger et al. deuten jedoch darauf hin, dass die Ursachen tiefer liegen könnten:
- Neuronale Prädisposition: Möglicherweise gibt es strukturelle oder funktionelle Unterschiede in Hirnregionen, die für exekutive Funktionen zuständig sind (präfrontaler Cortex, anteriorer cingulärer Cortex). Diese würden dann dauerhaft vorhanden sein, aber in der Lutealphase durch zusätzliche Belastungen (Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Schmerzen) verstärkt wahrgenommen.
- Emotionsregulation als Vermittler: Die Autoren spekulieren, dass die Defizite in der Impulskontrolle die bekannten Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation bei PMS/PMDD erklären könnten. Wer impulsive Reaktionen schlechter bremsen kann, hat auch mehr Mühe, emotionale Reaktionen zu modulieren – was zu den typischen Stimmungsschwankungen führt.
- Kognitive Reserve: Gesunde Frauen verfügen über eine gewisse „kognitive Reserve“, die auch unter hormoneller Belastung ausreicht. Bei Frauen mit PMS/PMDD könnte diese Reserve bereits im Ausgangszustand verringert sein, wodurch selbst moderate hormonelle Schwankungen spürbar werden.
Einschränkungen und Ausblick
Wie jede Studie hat auch diese Grenzen. Die Stichprobe von 105 Frauen ist für eine klinische Studie solider Natur, aber nicht riesig. Alle Teilnehmerinnen waren zwischen 19 und 35 Jahre alt – die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf ältere Frauen oder Frauen im Übergang übertragen.
Ein wichtiger offener Punkt: Die Studie zeigt Korrelationen, nicht Kausalität. Es bleibt unklar, ob die kognitiven Defizite die PMS-Symptome verursachen, umgekehrt, oder ob beide durch einen gemeinsamen dritten Faktor (z.B. chronische Stressbelastung, frühe Lebenserfahrungen oder genetische Prädisposition) bedingt sind.
Zukünftige Studien sollten mit funktioneller Bildgebung (fMRT) untersuchen, ob die strukturellen oder funktionellen Unterschiede in exekutiven Hirnnetzwerken tatsächlich nachweisbar sind. Auch Longitudinalstudien wären wertvoll: Entwickeln sich die Defizite vor dem Auftreten von PMS, oder sind sie eine Folge jahrelanger zyklischer Belastung?
Fazit: Kognitive Beeinträchtigungen bei PMS sind real – und messbar
Diese österreichische Studie liefert erstmals objektive Evidenz dafür, dass Frauen mit PMS/PMDD über den Zyklus hinweg messbare Defizite in Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle aufweisen – und dass diese Defizite nicht einfach auf Hormonschwankungen zurückzuführen sind.
Für Betroffene bedeutet das: Das Gefühl, kurz vor der Periode „nicht mehr so klar denken zu können“, ist kein Einbildung – es hat eine reale, objektiv messbare Basis. Und es ist auch kein Zeichen persönlicher Schwäche, sondern Ausdruck einer spezifischen neurokognitiven Prädisposition.
Für die klinische Praxis ergibt sich eine wichtige Implikation: Neben der Behandlung hormoneller und emotionaler Symptome sollten auch kognitive Strategien und Unterstützungssysteme berücksichtigt werden – von strukturierten Arbeitsumgebungen über reduzierte Multitasking-Anforderungen bis hin zu kognitiven Trainingsprogrammen.
Quellenangabe
Gnaiger A, Werlein P, Gruschwitz P, Siebers M, Panzik A, Comasco E, Hidalgo-Lopez E, Pletzer B. Impairment of Executive Functions in Premenstrual Syndrome: State or Trait? Biological Psychiatry Global Open Science. 2026.
DOI: 10.1016/j.bpsgos.2026.100730
PubMed: PMID 42254277
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