Einleitung: Wenn der innere Rhythmus aus dem Takt gerät
Viele Frauen mit prämenstruellem Syndrom (PMS) kennen das Gefühl: Die Tage vor der Periode bringen nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch eine Veränderung des Schlaf-Wach-Rhythmus, vermehrte Müdigkeit am Morgen und Schwierigkeiten, den Tag zu beginnen. Was bisher als subjektives Empfinden abgetan wurde, hat nun eine wissenschaftliche Erklärung: Der Zirkadian-Rhythmus – der innere biologische Taktgeber – ist bei PMS-Betroffenen gestört.
Eine neue Studie, im November 2025 im renommierten Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht, liefert erstmalig robuste Evidenz für einen direkten Zusammenhang zwischen PMS, Zirkadian-Rhythmus und psychischer Gesundheit. Das Forschungsteam um Özlem Akın Yamak von der Recep Tayyip Erdoğan Universität (Türkei) untersuchte 98 Krankenpflege-Studentinnen und fand heraus, dass Frauen mit PMS signifikant höhere Depression und Angst aufweisen – begleitet von einer messbaren Social Jetlag-Dysregulation.
Die Studie: 98 Studentinnen, Chronotyp und Social Jetlag im Blick
Die Querschnittsstudie rekrutierte 98 weibliche Krankenpflege-Studentinnen im Alter von durchschnittlich 21 Jahren an einer Universität in der Schwarzmeerregion der Türkei. Die Teilnehmerinnen wurden mit folgenden validierten Instrumenten untersucht:
- Premenstrual Syndrome Scale (PMSS): Erfasst die Schwere prämenstrueller Symptome
- Morningness-Eveningness Questionnaire (MEQ): Bestimmt den Chronotyp (Morgen- vs. Abendtyp)
- Beck Depression Inventory (BDI): Quantifiziert depressive Symptome
- Beck Anxiety Inventory (BAI): Misst Angstsymptome
- Social Jetlag Questionnaire: Erfasst die Diskrepanz zwischen biologischer und sozialer Zeit
Die Teilnehmerinnen wurden nach ihren PMSS-Scores in zwei Gruppen eingeteilt: mit PMS und ohne PMS.
Ergebnisse: PMS verändert den inneren Taktgeber
1. Depression und Angst deutlich erhöht
Studentinnen mit PMS zeigten signifikant höhere Depressions-Scores (p < 0,001, OR = 1,126) und höhere Angst-Scores (p < 0,001, OR = 1,094) im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Präsenz von PMS hatte einen signifikanten Einfluss auf beide psychischen Outcomes (p < 0,001, Std. Beta = 0,474 für Depression; Std. Beta = 0,429 für Angst).
2. Social Jetlag steigt mit PMS-Schwere
Der zentrale Befund: In der PMS-Gruppe zeigte sich eine positive und signifikante Korrelation zwischen der PMSS-Gesamtscore und dem Social Jetlag (r = 0,351, p = 0,013). Das bedeutet: Je schwerer die prämenstruellen Symptome, desto ausgeprägter die chronobiologische Dysregulation.
3. Kein Einfluss auf Chronotyp – aber auf Social Jetlag
Interessanterweise zeigte sich kein statistisch signifikanter Einfluss von PMS auf den Chronotyp selbst (ob jemand ein Morgen- oder Abendmensch ist). Die PMS-bedingte Störung manifestiert sich also nicht als grundsätzliche Veränderung des Chronotyps, sondern als vermehrte Inkongruenz zwischen biologischem und sozialem Rhythmus.
Was ist Social Jetlag und warum ist er relevant?
Social Jetlag beschreibt die zeitliche Diskrepanz zwischen dem biologischen Rhythmus (bestimmt durch das zentrale Nervensystem und die Melatonin-Ausschüttung) und den sozialen Zeitvorgaben (Arbeit, Uni, soziale Verpflichtungen). Ähnlich wie bei einer Zeitzonenreise befindet sich der Körper in einem chronischen Zustand der Desynchronisation.
Der Zirkadian-Rhythmus reguliert über den suprachiasmatischen Kern (SCN) im Hypothalamus zahlreiche physiologische Funktionen:
- Schlaf-Wach-Zyklus: Melatonin-Ausschüttung und Cortisol-Aufwach-Response
- Hormonelle Regulation: Östrogen- und Progesteron-Schwankungen
- Temperaturregulation: Körperkerntemperatur über den Zyklus
- Stimmungsregulation: Serotonin-Synthese und -Metabolismus
- Immunfunktion: Zytokinproduktion und Entzündungsaktivität
Bei PMS-Betroffenen scheint dieser fein abgestimmte Rhythmus in der Lutealphase ins Wanken zu geraten – mit messbaren Folgen für Schlaf, Stimmung und Stressverarbeitung.
Biologische Mechanismen: Wie PMS den Zirkadian-Rhythmus stört
Die Verbindung zwischen PMS und chronobiologischer Dysregulation lässt sich auf mehreren Ebenen erklären:
1. Hormonelle Fluktuationen und der SCN
Östrogen und Progesteron beeinflussen direkt die Aktivität des suprachiasmatischen Kerns. In der Lutealphase steigt der Progesteronspiegel an und kann die Melatonin-Sekretion verzögern – was zu Schwierigkeiten beim Einschlafen und verfrühtem Erwachen führt.
2. Veränderte Cortisol-Dynamik
Frühere Studien zeigen, dass PMS-Betroffene einen veränderten Cortisol Awakening Response (CAR) aufweisen. Die morgendliche Cortisol-Spitze ist bei vielen Patientinnen attenuiert oder zeitlich verschoben – was das Gefühl erklärt, morgens „nicht richtig hochfahren zu können“.
3. Serotonin-Zirkadian-Zusammenhang
Der Serotonin-Metabolismus folgt einem zirkadianen Muster. Die PMS-bedingte Serotonin-Dysregulation in der Lutealphase könnte mit der chronobiologischen Störung verknüpft sein – ein Mechanismus, der die Wirksamkeit von SSRIs (Serotonin-Wiederaufnahmehemmern) bei PMDD aus einer neuen Perspektive beleuchtet.
Einschränkungen der Studie
Wie jede Querschnittsstudie hat auch diese Limitationen:
- Querschnittsdesign: Keine kausalen Schlussfolgerungen möglich – es ist unklar, ob Social Jetlag die PMS-Symptome begünstigt oder umgekehrt
- Kleine Stichprobe: 98 Studentinnen limitieren die Generalisierbarkeit
- Selbstberichtete Daten: Alle Messungen basieren auf Fragebögen, nicht auf objektiven Biomarkern (Actigraphie, Melatonin im Speichel)
- Homogene Population: Türkische Studentinnen – Übertragbarkeit auf andere Kulturen und Altersgruppen unklar
- Keine Langzeitdaten: Einmalige Messung erfasst keine zyklischen Fluktuationen über mehrere Monate
Praktische Implikationen: Chronobiologie als PMS-Management
Trotz dieser Einschränkungen eröffnet die Studie ein vielversprechendes Feld für das PMS-Selbstmanagement:
1. Regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten
Das Einhalten fester Bettzeiten – auch am Wochenende – kann den Social Jetlag reduzieren. Die Empfehlung: Maximal 1 Stunde Differenz zwischen Werktags- und Wochenendschlaf.
2. Morgendliches Licht
Helles Licht (idealerweise Tageslicht oder eine 10.000-Lux-Lampe) direkt nach dem Aufwachen stabilisiert den circadianen Rhythmus und verbessert den Cortisol Awakening Response.
3. Abendliche Lichtreduktion
Blaues Licht von Bildschirmen (Smartphones, Tablets, Computer) supprimiert die Melatonin-Produktion. Die Verwendung von Blaulichtfiltern oder das Tragen von amberfarbener Brille 2–3 Stunden vor dem Schlafengehen kann die natürliche Melatonin-Sekretion fördern.
4. Koffein-Timing
Koffein hat eine Halbwertszeit von 5–6 Stunden. Wer unter PMS-Schlafstörungen leidet, sollte Koffein nach 14:00 Uhr meiden.
Fazit: PMS ist auch ein chronobiologisches Problem
Die Studie von Yamak et al. liefert einen wichtigen neuen Baustein zum Verständnis von PMS: Das prämenstruelle Syndrom ist nicht nur ein hormonelles oder psychisches Problem, sondern auch ein Störungsbild mit chronobiologischer Komponente. Die signifikante Assoziation zwischen PMS-Schwere und Social Jetlag legt nahe, dass die Stabilisierung des Zirkadian-Rhythmus eine vielversprechende adjuvante Strategie im PMS-Management sein könnte.
Für Betroffene bedeutet das: Neben Ernährung, Bewegung und Stressmanagement sollte auch die Schlafhygiene und Chronobiologie bewusst gestaltet werden. Der innere Taktgeber verdient im PMS-Alltag mehr Aufmerksamkeit – denn wenn der Rhythmus stimmt, können viele Begleiterscheinungen des PMS gelindert werden.
Zukünftige Forschung sollte longitudinale Designs mit objektiven chronobiologischen Messungen (Actigraphie, Melatonin, Cortisol) einsetzen, um kausale Zusammenhänge zu klären und evidenzbasierte chronobiologische Interventionsprotokolle für PMS-Patientinnen zu entwickeln.
Quellenangabe
Originalstudie:
Yamak ÖA, Şentürk Ş, Kağıtçı M, Altinsoy C, Puşuroğlu M. The relationship between premenstrual syndrome and circadian rhythm, depressive mood, and anxiety. Sci Rep. 2025 Nov 6;15(1):38920. doi: 10.1038/s41598-025-23040-9
PubMed: PMID 41198846
Haftungsausschluss
Dieser Artikel dient ausschließlich der wissenschaftlichen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei PMS- oder PMDD-Beschwerden konsultieren Sie bitte eine Fachärztin oder einen Facharzt. Die genannten chronobiologischen Strategien sind als Selbsthilfemaßnahmen zu verstehen und keine Substitut für medizinische Therapie.
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