Einleitung: Wenn der Zyklus auf den Rücken fällt

Das prämenstruelle Syndrom (PMS) ist bekannt für seine psychischen und hormonellen Symptome – Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Müdigkeit. Doch eine bahnbrechende Studie aus der Türkei, veröffentlicht 2026 im renommierten Fachjournal BMC Nursing, deckt einen weitgehend übersehenen Aspekt auf: PMS und muskuloskelettale Schmerzen hängen eng zusammen – mit erheblichen Auswirkungen auf Alltagsfunktion, Berufsfähigkeit und Lebensqualität.

Die Studie: Okan & Okan 2026 – 257 Pflegeschülerinnen unter die Lupe genommen

Das Forschungsteam um Fatih Okan und Sevil Okan von der Medizinischen Fakultät in der Türkei führte eine deskriptive Querschnittsstudie durch, die erstmals systematisch den Zusammenhang zwischen PMS-Schwere und muskuloskelettalen Beschwerden bei jungen Frauen untersuchte.

Studiendesign im Überblick

  • Teilnehmerinnen: 257 weibliche Pflegeschülerinnen
  • Design: Deskriptive Querschnittsstudie
  • PMS-Messung: Premenstrual Syndrome Scale (PMSS)
  • Schmerzmessung: Extended Nordic Musculoskeletal Questionnaire (NMQ-E) – erfasst Beschwerden in neun Körperregionen
  • Statistische Analyse: Logistische Regression, Chi-Quadrat-Tests, t-Tests
  • Journal: BMC Nursing (Impact Factor ~3,5; Teil des BMC-Portfolios)

Die Ergebnisse: Ein alarmierender Befund

1. PMS-Prävalenz: 82,9 %

Von den 257 Teilnehmerinnen erfüllten 213 (82,9 %) die Kriterien für PMS – ein deutlich höherer Wert als in der allgemeinen Bevölkerung, was auf den spezifischen Stress des Pflegeberufs hindeutet.

2. Muskuloskelettale Schmerzen: 90,7 %

Noch alarmierender: 233 Teilnehmerinnen (90,7 %) berichteten über muskuloskelettale Schmerzen in mindestens einer Körperregion. Dies ist eine der höchsten Prävalenzraten für Berufsgruppen mit körperlicher Belastung.

3. PMS-Schwere als unabhängiger Risikofaktor

Die logistische Regression zeigte einen signifikanten Zusammenhang:

  • Odds Ratio (OR): 1,08 (95 % CI: 1,05–1,11; p < 0,001)
  • Interpretation: Mit jedem zusätzlichen Punkt auf der PMS-Schwere-Skala steigt das Risiko für muskuloskelettale Schmerzen um 8 %

4. Die am stärksten betroffenen Körperregionen

Die Chi-Quadrat-Analyse zeigte, dass Schmerzen in folgenden Regionen signifikant mit höherer PMS-Schwere assoziiert waren:

  • Unterer Rücken: 75,9 % (n = 195) – die häufigste betroffene Region
  • Oberer Rücken: 42,0 % (n = 108)
  • Hüfte: 39,3 % (n = 101)
  • Nacken und Schulter: Ebenfalls signifikant erhöht

5. Berufliche Konsequenzen

Besonders relevant für den Pflegeberuf: Schmerzen in Nacken, Schulter, unterem Rücken und Hüfte waren signifikant assoziiert mit:

  • Erhöhter Inanspruchnahme des Gesundheitswesens
  • Verstärktem Medikamentengebrauch
  • Höherer Krankenstandsrate

Warum wirkt PMS auf Muskelschmerzen? Plausible Mechanismen

1. Entzündungsfördernde Zytokine

PMS ist mit einer erhöhten Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine wie IL-6 und TNF-α verbunden. Diese Entzündungsmarker senken die Schmerzschwelle und können bestehende muskuloskelettale Beschwerden verstärken.

2. Hormonelle Sensitivität der Schmerzwahrnehmung

Die luteale Phase ist gekennzeichnet durch einen abrupten Östrogen- und Progesteronabfall. Beide Hormone modulieren die Aktivität von Schmerzrezeptoren und die zentrale Schmerzverarbeitung. Eine gestörte Hormonempfindlichkeit kann zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung führen.

3. Serotonerge Dysregulation

Die serotonerge Neurotransmission beeinflusst nicht nur die Stimmung, sondern auch die zentralen Schmerzmechanismen. Ein Serotonin-Mangel in der Lutealphase kann sowohl psychische Symptome als auch eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit verursachen.

4. Muskeltonus und Verspannungen

Psychischer Stress und Angst – häufige PMS-Begleiterscheinungen – führen zu einem erhöhten Muskeltonus, insbesondere im Nacken-, Schulter- und Rückenbereich. Chronische Verspannungen manifestieren sich als muskuloskelettale Schmerzen.

Einschränkungen der Studie

Die Autoren weisen zu Recht auf Limitationen hin:

  • Querschnittsdesign: Keine Kausalität herleitbar – die Richtung der Assoziation bleibt unklar
  • Selbstberichtete Daten: Sowohl PMS als auch Schmerzen wurden durch Fragebögen erfasst
  • Spezifische Population: Nur Pflegeschülerinnen – die Generalisierbarkeit auf andere Berufsgruppen ist unklar
  • Keine objektiven Biomarker: Entzündungsmarker oder Hormonspiegel wurden nicht erhoben
  • Keine Langzeit-Follow-up: Langfristige Entwicklung der Beschwerden unbekannt

Interpretation und klinische Bedeutung

Trotz der Einschränkungen ist die Studie von höchster Relevanz:

  • Sie ist eine der ersten, die den Zusammenhang zwischen PMS-Schwere und muskuloskelettalen Schmerzen quantifiziert
  • Die OR von 1,08 mag gering erscheinen, ist aber klinisch relevant – bei hohen PMS-Scores bedeutet dies ein substantiell erhöhtes Schmerzrisiko
  • Die Ergebnisse decken sich mit der breiten Entzündungs-PMS-Literatur
  • Für Pflegeberufe und andere körperlich belastete Tätigkeiten hat die Studie direkte praktische Implikationen

Praktische Implikationen: Was bedeutet das für Betroffene?

1. Ganzheitliche Schmerzbewertung

Frauen mit PMS und Rücken-, Nacken- oder Schulterschmerzen sollten ihre Beschwerden nicht isoliert betrachten. Ein zyklusbezogener Blick auf die Schmerzentwicklung kann helfen, Muster zu erkennen und gezielter zu intervenieren.

2. Entzündungshemmende Strategien

Antiinflammatorische Ernährung (reich an Omega-3, Gemüse, Beeren), regelmäßige Bewegung und ausreichender Schlaf können sowohl PMS-Symptome als auch muskuloskelettale Schmerzen lindern.

3. Berufsbezogene Anpassungen

Für Frauen in körperlich belastenden Berufen (Pflege, Logistik, Handwerk) ist es sinnvoll, in der Lutealphase:

  • Ergonomische Hilfsmittel zu nutzen
  • Hebe- und Tragtechniken zu optimieren
  • Pausen zur Entspannung einzuplanen
  • Wärmetherapie für verspannte Muskelregionen anzuwenden

4. Früherkennung und Prävention

Betriebsärztliche und arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen sollten bei Frauen mit wiederkehrenden muskuloskelettalen Beschwerden nach prämenstruellen Symptomen fragen – und umgekehrt.

Fazit: PMS ist mehr als Stimmung – es ist ein Ganzkörper-Phänomen

Die türkische Studie von Okan & Okan liefert eine wichtige Ergänzung zum PMS-Verständnis: PMS ist nicht nur ein Gehirn- und Hormonphänomen, sondern manifestiert sich im gesamten Körper – einschließlich des Muskel-Skelett-Systems.

Für Betroffene bedeutet das: Wenn Sie unter wiederkehrenden Rücken-, Nacken- oder Schulterschmerzen leiden, die sich zyklisch verschlimmern, ist das kein Zufall. Die Verbindung zwischen PMS und muskuloskelettalen Beschwerden ist real, messbar und hat konkrete Auswirkungen auf Berufsleben und Lebensqualität.

Die Botschaft ist klar: PMS-Prävention ist auch Schmerzprävention – und umgekehrt.


Quellenangabe

Primärstudie: Okan S, Okan F. Association between premenstrual syndrome severity and musculoskeletal pain among nursing students: a cross-sectional study. BMC Nurs. 2026;25(1):601. doi: 10.1186/s12912-026-04776-9. PMID: 42143312


Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei schweren PMS- oder muskuloskelettalen Beschwerden konsultieren Sie bitte einen Facharzt für Frauenheilkunde, Orthopädie oder Physiotherapie. Die aufgeführten Studien stellen wissenschaftliche Forschungsergebnisse dar, die keine individuelle Therapieempfehlung darstellen.