Das prämenstruelle Syndrom (PMS) betrifft schätzungsweise 48 % aller Frauen im reproduktiven Alter. Neben psychischen Symptomen wie Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen spielen hormonelle Dysregulationen – insbesondere erhöhte Prolaktinspiegel – sowie eine subklinische Entzündungsreaktion eine zentrale Rolle. Während pflanzliche Wirkstoffe wie Mönchspfeffer bereits etabliert sind, rückt nun eine weniger bekannte Heilpflanze aus der koreanischen Medizin in den Fokus der Forschung.
Codonopsis lanceolata: Tradition trifft auf moderne Wissenschaft
Die Koreanische Glöckchenwurzel (Codonopsis lanceolata) wird in der traditionellen asiatischen Medizin seit Jahrhunderten als Adaptogen und Immunmodulator geschätzt. Eine im Dezember 2025 veröffentlichte Studie des koreanischen Forschungsteams um Gwon et al. untersuchte erstmals systematisch das Potenzial von Schalenextrakten dieser Pflanze (CPE) bei PMS – mit überraschend vielversprechenden Ergebnissen.
Studiendesign: Drei Ebenen der Evidenz
Die Forscher kombinierten drei komplementäre Untersuchungsansätze, um sowohl molekulare Mechanismen als auch systemische Wirkungen zu erfassen:
- In-vitro-Experimente: LPS-stimulierte Makrophagen zeigten nach CPE-Behandlung eine deutliche Reduktion der Stickoxid-Produktion sowie eine Suppression der pro-inflammatorischen Zytokine IL-6 und TNF-α.
- Hormonelle Zellkultur: In östradiol-stimulierten Hypophysen-GH3-Zellen hemmte der Extrakt die Ausschüttung von Prolaktin – ein Mechanismus, der direkt mit PMS-assoziierter Hyperprolaktinämie verknüpft ist.
- Tiermodell: Metoclopramid-induzierte hyperprolaktinämische Mäuse erhielten CPE. Die Behandlung senkte signifikant das Serum-Prolaktin, reduzierte Prostaglandin E2 (PGE2) und entzündliche Zytokine, während gleichzeitig Prostaglandin E1 (PGE1) und FSH anstiegen.
Darmmikrobiota als vermittelnder Faktor
Besonders innovativ: Die parallel durchgeführte Mikrobiom-Analyse des Mäusekot. CPE bereicherte die Darmflora mit gesunden Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium – Genres, die wiederholt mit besserer Stimmungslage und reduzierter Entzündungsaktivität assoziiert wurden. Gleichzeitig sank der Anteil pro-inflammatorischer Taxa wie Oscillibacter und Desulfovibrionaceae. Diese mikrobiellen Verschiebungen korrelierten positiv mit den verbesserten hormonellen und entzündlichen Markern.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Ergebnisse deuten auf einen multiplen Wirkmechanismus hin: CPE scheint PMS-Symptome über die Modulation der endokrinen Funktion (Prolaktin-Senkung, FSH-Anstieg), die Hemmung neuroinflammatorischer Prozesse (NO, IL-6, TNF-α) und die positive Beeinflussung der Darm-Hirn-Achse zu lindern. Dies verknüpft drei bisher oft separat betrachtete PMS-Pathomechanismen in einem Ansatz.
Wichtige Einschränkungen: Die Studie stammt aus einem firmeneigenen Forschungslabor (Hy Co. Ltd., Korea) und basiert ausschließlich auf In-vitro-Daten und einem Tiermodell. Es liegen keine klinischen RCTs an Frauen vor. Die Ergebnisse sind als präklinische Evidenz zu werten und erfordern Replikation in unabhängigen humanen Studien.
Fazit
Die koreanische Glöckchenwurzel könnte – so die vorsichtige Interpretation – einen vielversprechenden Kandidaten für die zukünftige Entwicklung pflanzlicher PMS-Präparate darstellen. Die Kombination aus hormoneller, entzündungshemmender und mikrobiom-modulierender Wirkung ist wissenschaftlich faszinierend, aber noch nicht klinisch valide. Frauen mit PMS sollten weiterhin auf bewährte, evidenzbasierte Ansätze setzen und neue Substanzen nur im Rahmen kontrollierter Studien oder nach ärztlicher Beratung in Betracht ziehen.
Quelle
Gwon H, Kim HJ, Jeong JW, Lee D, Kim JY, Shim JJ, Lee JH. Therapeutic potential of Codonopsis lanceolata peel extract in premenstrual syndrome: insights into hormonal, immune, and microbial interactions. Food Science and Biotechnology. 2025;34:4027-4038. DOI: 10.1007/s10068-025-02003-w
Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei PMS-Beschwerden konsultieren Sie bitte Ihren Arzt oder Ihre Ärztin.