Einleitung: Wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) und seine schwere Form, die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDD), betreffen Millionen von Frauen weltweit. Während hormonelle Schwankungen von Östrogen und Progesteron als Hauptauslöser gelten, rücken zunehmend auch Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und der zirkadianen (tagesrhythmischen) Systeme in den Fokus der Forschung.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024, veröffentlicht im renommierten Journal BMC Women’s Health, fasst erstmals umfassend zusammen, was wir über biologische Rhythmen bei PMS und PMDD wissen – mit überraschenden Erkenntnissen zu Melatonin, Körpertemperatur und Schlafqualität.
Studiendesign: Systematischer Review nach PRISMA-Richtlinien
Die Forschungsgruppe um Adile Nexha von der McMaster University (Hamilton, Kanada) führte eine systematische Literatursuche in vier großen Datenbanken durch (PubMed, Embase, Medline, Web of Science). Der Suchzeitraum erstreckte sich bis Dezember 2021, wobei alle Studien berücksichtigt wurden, die den Zusammenhang zwischen biologischen Rhythmen und prämenstruellen Symptomen untersuchten.
Von ursprünglich 575 identifizierten Artikeln erfüllten nach strenger Prüfung 25 Studien die Einschlusskriterien. Diese umfassten Untersuchungen zu:
- Schlafarchitektur (Polysomnographie, Aktigraphie)
- Melatonin-Sekretion (Speichel-, Plasma- und Urinmessungen)
- Körpertemperatur-Rhythmen
- Cortisol-, Prolaktin- und TSH-Tagesprofilen
- Subjektiver Schlafqualität und chronobiologischen Parametern
Ergebnisse: Drei klare Muster zeichnen sich ab
1. Niedrigere Melatonin-Spiegel bei PMS/PMDD
Mehrere Studien konsistent zeigen, dass Frauen mit PMS oder PMDD signifikant niedrigere nächtliche Melatonin-Konzentrationen aufweisen als beschwerdefreie Kontrollpersonen. Melatonin, das in der Zirbeldrüse (Glandula pinealis) produziert wird, ist nicht nur für die Einleitung des Schlafs verantwortlich, sondern wirkt auch als starkes Antioxidans und moduliert das Immunsystem.
Besonders auffällig: Die reduzierte Melatonin-Ausschüttung trat vor allem in der späten Lutealphase auf – also genau in dem Zyklusabschnitt, in dem die prämenstruellen Symptome ihren Höhepunkt erreichen.
2. Erhöhte nächtliche Körpertemperatur
Ein weiteres konsistentes Ergebnis: Frauen mit PMS/PMDD weisen während der Nacht eine erhöhte Kernkörpertemperatur auf. Dies ist physiologisch bedeutsam, da ein Absinken der Körpertemperatur eine Voraussetzung für das Einsetzen und die Aufrechterhaltung von Tiefschlafphasen ist.
Die erhöhte Temperatur in der Lutealphase wird normalerweise durch das Hormon Progesteron verursacht, das nach dem Eisprung ansteigt. Bei Frauen mit PMS scheint diese thermogene Wirkung jedoch verstärkt oder verlängert zu sein – was die subjektiv empfundene Schlafstörung erklären könnte.
3. Schlechtere subjektive Schlafqualität
Interessanterweise fanden die Autoren einen deutlichen Unterschied zwischen objektiven und subjektiven Schlafmaßen:
- Objektiv (gemessen via Polysomnographie oder Aktigraphie): Teilweise keine signifikanten Unterschiede in Schlafparametern wie Schlafeffizienz, WASO (Wachzeit nach Schlafbeginn) oder REM-Anteil zwischen PMS-Betroffenen und Kontrollen.
- Subjektiv (Selbstberichte, Fragebögen): Durchgängig schlechtere wahrgenommene Schlafqualität bei Frauen mit PMS/PMDD.
Diese Diskrepanz ist klinisch relevant: Auch wenn der Schlaf objektiv „normal“ erscheint, leiden Betroffene unter einem realen Leidensdruck durch das Gefühl, nicht erholsam zu schlafen.
Interpretation: Warum sind zirkadiane Rhythmen bei PMS gestört?
Die Autoren diskutieren mehrere mögliche Mechanismen:
- Hormonelle Interaktion: Östrogen und Progesteron beeinflussen direkt die Melatonin-Synthese und die Funktion des suprachiasmatischen Nucleus (SCN) – der „Master-Clock“ im Hypothalamus, die unsere inneren Rhythmen steuert.
- Lichtempfindlichkeit: Einige Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit PMDD eine veränderte Sensitivität gegenüber Lichtreizen aufweisen, was die Synchronisation der inneren Uhr mit dem 24-Stunden-Tag erschwert.
- Entzündungsprozesse: Chronische, niedriggradige Entzündungen (die bei PMS vermehrt beobachtet werden) können die Melatonin-Produktion hemmen und die Thermoregulation stören.
- Genetische Faktoren: Polymorphismen in Clock-Genen (z.B. CLOCK, PER3, BMAL1) wurden sowohl mit Schlafstörungen als auch mit affektiven Störungen in Verbindung gebracht – ein möglicher gemeinsamer Nenner für PMS und zirkadiane Dysregulation.
Klinische Implikationen: Was bedeutet das für die Praxis?
Die Erkenntnisse aus diesem Review eröffnen neue therapeutische Möglichkeiten:
- Lichttherapie: Morgendliche Bright-Light-Therapie (ca. 10.000 Lux für 30–60 Minuten) könnte helfen, den zirkadianen Rhythmus zu stabilisieren und die Melatonin-Produktion zu synchronisieren.
- Melatonin-Supplementierung: Low-Dose-Melatonin (0,3–3 mg) am Abend könnte sowohl die Schlafqualität verbessern als auch antioxidative Effekte bieten. Allerdings fehlen noch große randomisierte kontrollierte Studien speziell bei PMS.
- Schlafhygiene: Regelmäßige Schlafenszeiten, Vermeidung von blauem Licht am Abend und kühle Schlafumgebungen könnten besonders für Frauen mit PMS wichtig sein.
- Chronotherapie: Die Timing-Optimierung von Medikamenten (z.B. SSRIs) oder Nahrungsergänzungsmitteln entsprechend des zirkadianen Profils könnte die Wirksamkeit erhöhen.
Einschränkungen der aktuellen Evidenz
Die Autoren weisen selbst auf Limitationen hin:
- Viele der eingeschlossenen Studien hatten kleine Stichprobengrößen (oft <30 Teilnehmerinnen pro Gruppe).
- Heterogene Messmethoden für Melatonin (Speichel vs. Plasma vs. Urin) erschweren den direkten Vergleich.
- Nur wenige Studien unterschieden klar zwischen PMS und PMDD nach DSM-5-Kriterien.
- Longitudinale Studien, die denselben Frauen über mehrere Zyklen folgen, sind rar.
- Die meisten Studien stammen aus hochindustrialisierten Ländern – kulturelle und geografische Einflüsse auf zirkadiane Rhythmen (z.B. Breitengrad, Saison) wurden kaum untersucht.
Fazit: Biologische Rhythmen als neuer Blickwinkel auf PMS
Dieser systematische Review liefert überzeugende Evidenz dafür, dass Störungen der biologischen Rhythmen ein integraler Bestandteil von PMS und PMDD sind. Die Kombination aus niedrigeren Melatonin-Spiegeln, erhöhter nächtlicher Körpertemperatur und subjektiv schlechterer Schlafqualität zeichnet ein klares Bild einer zirkadianen Dysregulation in der Lutealphase.
Für betroffene Frauen bedeutet dies: Schlafprobleme vor der Periode sind kein „eingebildetes“ Symptom, sondern haben eine messbare biologische Grundlage. Und sie eröffnen neue Ansatzpunkte für nicht-invasive, nebenwirkungsarme Interventionen wie Lichttherapie, Melatonin oder gezielte Schlafhygiene-Maßnahmen.
Zukünftige Forschung sollte sich auf große, longitudinale Studien konzentrieren, die objektive und subjektive Schlafmaße kombinieren und potenzielle Therapien gezielt testen. Bis dahin gilt: Wer unter prämenstruellen Schlafstörungen leidet, sollte das Thema offen mit seiner Ärztin oder ihrem Arzt ansprechen – denn Hilfe ist möglich.
Quellenangabe
Studie: Nexha A, Caropreso L, de Azevedo Cardoso T, Suh JS, Tonon AC, Frey BN. Biological rhythms in premenstrual syndrome and premenstrual dysphoric disorder: a systematic review. BMC Womens Health. 2024 Oct 7;24(1):551. doi: 10.1186/s12905-024-03395-3. PMID: 39375682; PMCID: PMC11457342.
Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39375682/
Open Access: Die vollständige Studie ist frei verfügbar unter: https://bmcwomenshealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12905-024-03395-3
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wende Dich bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden immer an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal. Die dargestellten Studienergebnisse sind als wissenschaftliche Evidenz zu verstehen, begründen aber keine eigenständige Therapieempfehlung.
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